Taliban oder Teletubbies?
Der 11. September 2001 sorgte dafür, dass der Islamismus wieder in das kollektive Bewusstsein der angegriffenen westlichen Welt befördert wurde. Der Hass auf den "american way of life" äußerte sich als vernichtendende Konsequenz in den Anschlägen auf das World Trade Center. Das besondere dieses Anschlags machte nicht etwa die quantitative Zahl der Opfer oder des Sachschadens aus, sondern vielmehr die Denkform, die dem Motiv zugrunde lag.
Die Zwillingstürme wurden als verantwortliches Subjekt für die Macht der USA halluziniert, für die bedrohliche Expansion von Universalismus und westlichen Werten. Dem setzt der Islamismus die aus einem imaginären Ur-Islam destillierte Utopie eines idealen islamischen Kollektivs entgegen, die ihren natürlichen Gegner in der säkularisierten westlichen Gesellschaft sieht. Deren Macht erscheint nicht konkret, sondern wird als abstrakte wahrgenommen, die hinter dem Zusammenbruch traditioneller Zusammenhänge, dem Verfall von Religion und Gemeinschaft und der übermächtig erscheinenden USA steht. Die Vorstellung einer nicht-stofflich gebundenen Macht wird als Verschwörung hinter die verschlossenen Türen des World Trade Centers halluziniert, wo im Geheimen der "zionistische Erzfeind" Israel gesteuert wird.
Israel stellt einen konstitutiven Teil dieser Projektion dar. Ist es doch der Staat Israel, der im Herzen des heiligen Landes das Schaufenster für die westliche Zivilisation darstellt und in der Ideologie islamistischer Bewegungen als "Speerspitze" oder "Vorposten" der USA gegen den Islam wahrgenommen wird. Die Existenz Israels wird in der islamistischen Ideologie als Gefahr für die islamische Kultur wahrgenommen. Mitte der 70er Jahre wurde beispielsweise auf Initiative Israels ein kultureller Austausch mit Ägypten organisiert, der als Beitrag zur Beilegung des Konflikts zwischen den beiden Staaten dienen sollte. In Ägypten formierte sich daraufhin ein breiter Widerstand gegen die "Überflutung mit jüdischer Kultur", der vorwiegend von ägyptischen Intellektuellen und Studenten mitgetragen wurde. Israel wird mit dem Westen identifiziert und westliche Kultur mit der jüdischen.
Die Anschläge auf das World Trade Center offenbaren die panische Angst des Islamismus vor der Bedrohung durch die Expansion westlicher Werte und Kultur. Der Angriff auf Individualismus und bürgerliche Freiheit stellt jedoch nur einen Angriff auf die konkreten Erscheinungsformen der kapitalistischen Verhältnisse dar. Die abstrakte Logik der totalen Konkurrenz, die in sich den unaufhaltsamen Zwang zu Individualisierung und Aufgabe sozialer Beziehungen birgt, erweist sich in der Totalität der Verwertung als unumkehrbarer Prozess, der sich logisch gegen traditionelle Strukturen richtet. Islamismus stellt die antiemanzipatorische Reaktion auf die Entwicklung kapitalistischer Vergesellschaftung dar und bietet etwas, was Kapitalismus nicht geben kann: Identität und Gemeinschaft.
Die Revolte der arabischen Welt gegen die westliche Moderne ist aber keine einheitliche. Während arabische Nationalisten um die Macht der islamischen Bewegung wussten, versuchten sie den Islam in den privaten Bereich zurückzudrängen. Kemal Atatürk, Begründer der säkularen Republik Türkei, scheiterte am Widerstand einer islamischen Gegenbewegung, welche sich die Re-Islamisierung der Türkei auf die Fahnen geschrieben hatte. Momentan scheint es in der Krisenregion des Nahen Osten auch keine Alternative zum politischen Islam zu geben. Selbst der palästinensische Nationalismus unter Arafat verliert immer mehr an Sympathie gegenüber islamistischen Gruppen, die den Endsieg des Islam gegenüber der verhassten westlichen Kultur propagieren. Die reaktionäre Intention des Islamismus und der Hass auf alles was als westlich identifiziert macht das Beispiel Afghanistans klar. Unter der Herrschaft des Taliban-Regimes stand schon der Besitz eines Fernsehapparates unter Strafe und selbst nach den bombigen Demokratisierungsversuchen der USA ist eine zukünftige Trennung von Staat und Religion im Sinne einer bürgerlichen Demokratie nicht absehbar. Der Weg Afghanistans führt leider nicht in die rosige Zukunft von Coca-Cola und Aufklärung, wie es Texte der BAHAMAS glauben machen, sondern zurück zur reaktionären Hinwendung zum islamischen Gottesstaat. Die Diskussionen der Erben des Taliban-Regimes über die Wiedereinführung der Fatwa ließen sich selbst von markigen Slogans wie "Fanta statt Fatwa" nicht beeindrucken und offenbaren höchstens die theoretische Sackgasse, in welche sich die Verteidiger von Aufklärung und Benthamschen "Panoptikum" manövriert haben.
Dass dem Islam auf diese Weise nicht beizukommen ist, wird augenscheinlich am enormen Wachstum der islamischen Glaubensgemeinschaft (inzwischen 1,3 Mrd. Gläubige) in Afrika, Asien und Ozeanien[1]. Die Einwohner dieser Regionen kapitalistischer Peripherie teilen das Los mit dem nutzloser Waren auf den Märkten Europas und Amerikas. Mit dem Unterschied, dass man sich in den kapitalistischen Zentren noch die Mühe macht, die Waren selbst zu vernichten, während der Hungertod von Namibia bis Somalia keine Henker braucht. Die Überflüssigkeit an unproduktiven Menschen für die Bedürfnisse des Verwertungsprozesses und die Unmöglichkeit seinen Nutzen für diese Maschinerie zu beweisen, lässt in diesen sozialen Randgebieten keine Identitätsbildung über produzierten Gebrauchswert oder geleistete Arbeit zu. Bei diesem Punkt versagt jedoch die antideutsche Rasterfahndung. Uli Krug behauptet zwar, "wer von Deutschland spreche, solle vom Islam nicht schweigen"[2] und sieht beim Islamismus schon die deutsche Volksgemeinschaft am Werke, verliert aber die strukturellen Unterschiede zwischen der Konstitution von Kollektividentitäten bei Deutschland und Islam aus dem Blick. Während gerade bei deutscher Volksgemeinschaft die Identitätsbildung über den wahnhaften Bezug zur "ehrlichen Arbeit" gegenüber der jüdischen "Nichtarbeit" geschieht, stellt der Islam als Einheit von Religion, Staat und Mensch den Rahmen für Gemeinschaft und Identität. Deutsche Volksgemeinschaft und Islamismus bleiben wie auch westlicher Universalismus Erscheinungsformen der Verhältnisse, die ihrerseits im Kontext von kapitalistischer Modernisierung und Krisenhaftigkeit zu interpretieren sind.
In diesem Sinne sind der gegenwärtige Islam und das heutige Judentum nicht mit ihren vorkapitalistischen und voraufklärerischen Ausprägungen gleichzusetzen, auch wenn der Lehre des Judentums ungleich mehr emanzipatorischer Gehalt innewohnt. Trotzdem muss m.E. Position gegen die Ideologie von "gutem" Judentum und "bösem" Islam bezogen werden, die sich seit den Anschlägen auf das WTC in der eurozentristischen "clash of cultures"-Ideologie der Bahamas "zur Verteidigung der Zivilisation"[3] niederschlägt. So versucht Natascha Wilting mit Rückendeckung der Freud`schen Psychoanalyse die "Psychopathologie des Islam"[4] zu enträtseln. Die Entdeckung, dass dem Islam angehörige Frauen während der Menstruation nicht von Muslimen berührt werden und als "befleckt" gelten, wird nicht wirklich einer Religionskritik gerecht. Eine Auseinandersetzung mit jüdisch-orthodoxer Kultur, die durch eine ähnliche Praxis mit menstruierenden Frauen gekennzeichnet ist, hätte sie wahrscheinlich vor weiteren Verkürzungen bewahrt.
So muss das Phänomen Islam aber auch in seinen religiösen Wurzeln erfasst und Rücksicht darauf genommen werden, dass der Islam wie andere Religionen einem prozesshaften Wandel ausgesetzt ist. Darüber hinaus finden wir ihn in verschiedenen Strömungen, Rechtsschulen und regionalen Ausprägungen vor. Noch einmal sei darauf hingewiesen, dass die meisten Muslime keine Araber sind. Folglich können allgemeine Aussagen über "den Islam", im Übrigen auch über "das Judentum" fast immer als falsch oder wenigstens ungenau angesehen werden. Verallgemeinerungen sind in einer kritischen linken Sozialwissenschaft nötig. Diese müssen jedoch konkrete historische und gesellschaftliche Bezüge haben und nicht einfach abstrakte Behauptungen sein.
Der Islam ist wie Judentum, Christentum und einige weitere Religionen eine Ausprägung des westasiatischen Monotheismus (Eingottglaubens). Wie die beiden anderen genannten Religionen nimmt er biblische Traditionen auf. Aus Sicht der Muslime, eine solche These soll hier gewagt werden, ist der Islam die unverfälschte Traditionslinie (von Adam über Moses, Jesus bis Mohammad) im Gegensatz zu den abweichenden anderen monotheistischen Richtungen. Da es in den Debatten der vergangenen Monate zu einer unwissenschaftlichen und einseitig positiven Bewertung des Judentums als Religion kam, sollte hier zur Freude der freudomarxistisch beeinflussten Zeitgenossen erwähnt sein, dass der Islam keine Erbsünde kennt. Dennoch besteht kein Zweifel, dass Koran und islamische Überlieferung zahlreiche patriarchale reaktionäre Momente enthalten, die die Rechtfertigung diverser Schandtaten ermöglichen und Bruchstücke für moderne antiaufklärerische Ideologien bieten. Dies ist jedoch bei Judentum und Christentum und übrigens bei allen anderen Religionen zweifellos genauso der Fall.
Als religiöse und politische Bewegung musste sich die frühe islamische Gemeinschaft ab dem 7. Jahrhundert gegen andere Religionen und die sie tragenden Menschengruppen durchsetzen. Einige der konkurrierenden arabischen Interessengruppen, politischen Föderationen und Staaten waren im religiösen Sinne jüdisch. Als Anhänger der Buchreligionen wurden sie, soweit sie ein Klientelverhältnis eingingen, rechtlich geschützt und behielten in religiöser und teilweise politischer und rechtlicher Hinsicht Autonomie. In diesem Punkt unterschied sich der Islam in gravierender Weise von anderen religiösen Richtungen des "Mittelalters" in West-Eurasien und Nordafrika. In den meisten frühen islamischen Staaten nahmen Anhänger des Judentums zum Teil hohe politische und in einigen Fällen sogar militärische Ämter wahr. Nicht umsonst flohen verfolgte Juden noch im Spätmittelalter in das als tolerant geltende Osmanische Reich. Nun soll es aber nicht um eine Idealisierung z.T. grausamer despotischer Verhältnisse gehen, sondern nur darum einigen einseitigen Argumentationen entgegenzutreten. Jedenfalls war muslimischer Antijudaismus eher die Ausnahme als die Regel. Von islamischem Antisemitismus kann im Sinne aktueller Definitionen erst in jüngster Zeit gesprochen werden. Er ist wiederum nicht mit arabisch-nationalistischem Antisemitismus zu verwechseln, welcher im Übrigen unter anderem auch von christlichen Arabern inspiriert war. Eine Engführung des Islam als Religion mit Faschismus ist so offensichtlich ahistorisch und unmarxistisch, dass unverständlich ist, wie Linke dergleichen Thesen überhaupt äußern können. Oder wir sagen Religionen sind an sich faschistisch, was zwar sympathisch klingt, aber einen vernünftigen Faschismusbegriff aushöhlt.
Die von Muslimen geführten religiösen und philosophischen Auseinandersetzungen über den Islam blieben nicht ohne Einfluss auf die jüdische Religion. Die jüdische und auch die christliche Philosophie des Mittelalters ist ohne Kenntnis der muslimischen Diskurse eigentlich nicht verständlich. Die westasiatisch-nordafrikanische muslimisch-jüdisch-christlichen Impulse waren schließlich von großer Bedeutung für die Entstehung bürgerlichen Denkens. Die arabischsprachigen Gelehrten vermittelten die antike und mittelalterliche Philosophie, Mathematik, Medizin und Chemie nach Europa. Bemerkenswert am westasiatischen Mittelalter ist die Bedeutung der Vernunft in Recht, Philosophie und Theologie. Es ist im Übrigen kein Zufall, dass liberal-islamische und islamistisch-reformatorische religiöse Denker der Neuzeit zum Beispiel auf diesen mittelalterlichen Rationalismus (z.B. den mutazlitischen Kalam) zurückgreifen.
So bietet der Islam in seiner Lehre und Tradition zwar Anknüpfungspunkte aber nicht die alleinige Ursache für den gegenwärtigen arabischen und im weiteren Sinne islamistischen Antisemitismus. Als Religion kann er angesichts der gegenwärtig herrschenden Verhältnisse nicht abgekoppelt von einer Kritik des Kapitalismus zu fassen sein. Selbst die beschworene Aufklärung und verteufelte Gegenaufklärung stellen jeweils nur zwei Seiten derselben, kapitalistischen Medaille dar, deren beide Seiten nicht die Freiheit versprechen, um die es einer emanzipatorischen Linken gehen sollte!
[1] Es soll hier nicht verschwiegen werden, dass das Wachstum des Islam selbst in Europa und Amerika zunimmt und sich im Verlauf der letzten Jahre mehr als verdoppelt hat.
[2] Gegenaufklärung und Islam, Uli Krug, Bahamas 36/2001
[3] BAHAMAS-Erklärung
[4] Psychopathologie des Islam, Natascha Wilting, 38/2002
== Boris, Martin (incipito)== [Nummer:01/2002] |