Immer Probleme mit dem AndersseinEine Polemik zu Antisemitismus und DistinktionWie hieß es fettgedruckt auf einer vierseitigen Flugschrift? "Solidarität mit Israel. Stoppt den palästinensischen Terror!" Bei der Lektüre dieser Schrift fragte ich mich mehr und mehr, was die Überschrift mit dem Text eigentlich zu tun habe. Geht es denn da wirklich um Israel? Geht es um unterdrückte Israelis und angeblich genuin terroristische und antijüdische Palästinenser? Geht es wirklich um die Opfer von Selbstmordattentaten? Oder geht es wieder einmal um eine Stellungnahme von sich zu einer Gruppe konstituierenden Individuen mit eiferndem Distinktionsbedürfnis? Um die Antwort vorweg zu nehmen: Ich tendiere zu letzterer Interpretation.
Antisemitismus.
Im Vordergrund steht eine Positionierung, die von einem deutschen soziokulturellen und historischen Erfahrungshorizont nicht nur ausgeht, sondern über diesen nicht hinauskommt. Das ist kaum verwunderlich, denn die Akteure sind in ihrer Sozialisation befangen. Und die neue Israel-Solidarität von links teilt ihre eingeschränkte und im Grunde genommen selbstbezogene Perspektive auch mit anderen Solidaritätsbewegungen, etwa mit den PKK-Freunden, für die die kurdische Arbeiterpartei eben vor allem deshalb cool, legitim oder historisch bedeutend war, weil sie zu einem innenpolitischen Problem des häßlichen Staates Deutschlands wurde und dieser eben auch eine spezifische Außenpolitik verfolgte.
Verwunderlich an der neuen Israel-Solidarität ist dann aber folgendes: So vehement sie jedem Träger abweichender Meinung den Vorwurf des Antisemitismus macht, so antisemitisch kommt sie selbst daher. Da sind in besagter Flugschrift Sätze zu lesen wie "Israels jüdischer Staatscharakter garantiert den Säkularismus westlicher Demokratie." Mal abgesehen davon, daß dieser Satz einer realen empirischen Basis in der israelischen Gesellschaft entbehrt- Israel ist ein konfessioneller Staat, was ebenso wenig ein Hinderungsgrund für Parlamentarismus ist wie eine Königskrone- , ist er doch peinlich identisch mit Positionen des russischen faschistischen Pamjat, und auch der deutschen NSDAP. Oder: Da wird von dem "Leiden der Juden seit 2000 Jahren" gesprochen. Mal abgesehen davon, daß auch die israelische Rechte bei erstmaliger Machtergreifung des Likud-Blocks in den 70er Jahren gern davon sprach und in Isreal selbst dafür breite Kritik erntete, ist dies eine Phrase, die in bezug auf das Christentum Sinn macht und Anwendung findet, nicht etwa auf die Zerstörung des 2. Jüdischen Tempels. Und bitte, meine Freunde von der Israel-Solidarität! Sich mit jüdischer Geschichte vor 1948 beschäftigt, wäre zu fragen, ob das Babylonische Exil oder die Unterdrückung und massive Verfolgung der Juden unter den Seleukiden nicht ebenfalls in die Leidensgeschichte aufgenommen werden müßte. Der Talmud tut dies. Wie auch immer, es ist nicht nur der christlich-abendländische Blickwinkel, dem ein gewisser Antisemitismus anhaftet, sondern auch die Konstruktion des leidenden Juden, die impliziert, daß er stets dem Terror ausgesetzt gewesen sei, sich aber kaum zu wehren vermocht habe. Der Psychologe und Shoah-Überlebende Bruno Bettelheim fragte einst, warum die nicht-jüdische Weltöffentlichkeit immer so sehr an Geschichten über das Leiden der Juden, nicht aber ihrem Widerstand interessiert sei. Im übrigen war es wiederum der rechte Likud-Block, der den Mythos von Massada (Massenselbstmord zelotischer Widerständler um 74 u.Z. angesichts der sie belagernden Römer) hochleben ließ, was daraufhin auf breite Kritik in Israel stieß, denn abgesehen davon, daß Selbsttötung kaum als ehrenhaft betrachtet werden könne, sei es eher Zeit, für die Ideale zu leben anstatt zu sterben. Unter linken Kritikern der Sharon-Politik ist diese Auffassung weit verbreitet.
Es gibt fremdes Leid!
Es ist schon bemerkenswert, wie wenig es in der Flugschrift tatsächlich um Terror geht. Die Autoren gefallen sich - mal abgesehen von Kindergartenniveausätzen wie "Arafat lügt, wenn er den Mund aufmacht." - in einer Rhetorik, die sie selbst vermutlich als rational aufklärerisch und abstrakt bezeichnen würden. Der Shoah-überlebende Autor Jean Améry hat sich Anfang der 50er Jahre gegen bestimmte Analysen und Aufarbeitungen des 3. Reichs verwahrt. Für ihn als Folterüberlebenden und Überlebenden von Ausschwitz gab es weder eine "Banalität des Bösen" (Hannah Arendt), wenn ein Individuum tatsächlich mit dem Bösen konfrontiert werde, noch eine Rechtfertigung für eine Flucht in die Abstraktion (Frankfurter Schule), die das Leiden der Opfer und Überlebenden ausblendet. Jean Améry, der bereits in den 70er Jahren der europäischen Linken den Vorwurf einer zu einseitigen Palästina-Solidarität machte und Israel als die einzig mögliche Heimstätte für Juden betrachtete, glaubte aufgrund des Verhaltens seiner intellektuellen Zeitgenossen kaum daran, daß es eine Bereitschaft von Menschen ohne extremtraumatische Erfahrungen gebe, sich diesen zumindest in einem Verstehensversuch anzunähern. An Jean Améry dachte ich, als ich den Solidaritätsaufruf las. Mein Eindruck: Die Autoren offenbaren wenig Interesse an den Erfahrungen der von Formen extremer Gewalt, wozu Selbstmordattentate eben gehören, betroffenen Subjekte. Liegt dem eine Vermeidungshaltung zugrunde? Blenden die Autoren das faktische Leiden aus Gründen eigener Ohmacht aus? Oder ist es nicht viel eher so, daß das Leiden der Menschen, die diesen machtvollen Demonstrationen von Ohnmacht (denn es geht aus Sicht der palästinensischen Akteure nicht um eine gottesnahe Stellung im Paradies, wie es mancher Islamgelehrte glauben machen möchten, sondern um die Herstellung von Macht angesichts extrem ungleicher Machtverteilung in Zeiten der Okkupation, die sich in jahrelangen Erniedrigungen im Alltag der Palästinenser äußert) zum Opfer fallen, für einen interessegeleiteten Diskurs deutscher Linker nutzbar gemacht wird? In diesem Sinne sei ein alter, auf die Leidenserfahrung anderer Menschen bezogener Spruch altvorderer Humanisten, Menschenrechtler etc. umformuliert: Es gibt eben doch das fremde Leiden.
Huntington behält Recht?
Der rassistische Grundtenor, der sich durch die Flugschrift zieht, erinnert unweigerlich an Samuel P. Huntington, der Anfang/ Mitte der 90er Jahre mit seiner Theorie vom Clash of Civilizations (landläufig und nicht ganz korrekt übersetzt mit Kampf der Kulturen) Popularität erreichte. Die offenbar enge Sicht der Autoren, die den Konflikt in Israel/Palästina im Hinblick auf ihr eigenes, genuin deutsches Verständnis von Faschismus erklären, impliziert bzw. konstruiert den Israeli als westlichen Chassidi und den Palästinenser als östlichen Muslim, den Israeli als Hüter westlich-abendländischer Standards von Parlamentarismus, Demokratie und so weiter, den Palästinenser als typischen Vertreter islamistischen Fatalismus´ (vermeintlich) mittelalterlicher Prägung. Generöserweise wird auch dem Palästinenser an und für sich zugestanden, er leide, allerdings habe er ganz objektiv gesehen nicht das Recht, dieses Leiden in Vergleich zum jüdischen Leid zu setzen. Aber ich vermutete ja bereits, daß es den Autoren nicht um das Leid fremder Menschen geht. Einer antinational-antideutschen Argumentationslogik folgend, wird der Palästinenser als minderwertiges Subjekt dargestellt. Auf ihn treffen alle Merkmale niederer Wesensart zu wie Blut-und Boden-Mentalität, Fanatismus, unmoralisch handelnde Eltern etc. Mal abgesehen davon, daß sich gerade im Staat Israel die aus jüdischer Sicht völlig unproblematische Konzeption von Blut und Boden realisiert, fragt sich, ob hier nicht Stereotype vorgeführt werden. Es werden Stereotype vorgeführt! Den Autoren fehlt jeder Wille - oder jede Fähigkeit- einen komplexen Konflikt in seiner Komplexität zu denken. Mehr noch: Sie entpuppen sich als die Verteidiger von bürgerlicher Demokratie und Gewaltenteilung. Sie positionieren sich gegenüber dem Palästinenser/Araber an und für sich in gleicher kulturalistisch-rassistischer Weise wie Huntington. Mit einigem Zynismus könnte konstatiert werden: Kam in der Betrachtung der Konflikte in Bosnien und Tschetschenien in den vergangenen Jahren immer eher ein latenter Rassismus zum Tragen (die Bosnier - vom Westen angeblich bemitleidet und für eine antiserbische Politik als Opfer dienstbar gemacht, wurden in antinationalen Meinungsmacherzeitschriften als Nachfahren muslimischer Kolloborateure dargestellt, die Tschetschenen galten als muslimische Fanatiker, was in beiden Fällen die weitere Positionierung für Antinationale erleichterte), so dürfen die Elitelinken unserer Breitengrade nun endlich offen rassistisch auftreten, und das mit gutem "antifaschistischen" Gewissen!
Andere Ismen und das Problem der identischen Rhetorik?
Folgende Bemerkung knüpft an die besagte Flugschrift an, bezieht aber auch andere Merkwürdigkeiten mit ein. Die Autoren konstatieren identische Losungen und Symbole auf Seiten der Nazis und auf Seiten von jungen Antifaschisten. So etwas kommt vor. Daraus den Schluß zu ziehen, es verbergen sich gleiche Inhalte dahinter, halte ich für gewagt, zumindest für kurzsichtig, und zwar in Bezug auf die Praxis der neuen Israel-Solidarität. Denn ebenso kann ihr der Vorwurf des Rassismus´, der rechtslastigen Abweichung, der Verbürgerlichung, des Sexismus gemacht werden. Zur rassistischen Sicht auf den Palästinenser an und für sich ist etwas gesagt worden. Somit zur rechtslastigen Abweichung: Die neue Israel-Solidarität vertritt Positionen, die sich mit denen der israelischen Rechten decken. (Dies zu konstatieren setzt voraus, die äußerst ausdifferenzierte politische Landschaft in Israel auch als eine solche wahrzunehmen.) Der Israel-Palästina-Konflikt ist einer jener bemerkenswerten und tragischen Angelegenheiten, bei der sich Protagonisten und Antagonisten vice versa gegenseitig als "Faschisten" und "Nazis" beschimpfen. Aus Sicht der Palästinenser ist Sharon ein israelischer Faschist und deutsche Männer, die palästinensische Kundgebungen, Meetings, Demonstrationen etc. stören, werden in ihrer Funktion als deutsche Faschisten im doppelten Sinn wahrgenommen: Sie nehmen Sharon-Positionen ein und sie agieren als weiße Deutsche gegen Ausländer. Um so grotesker wirkt daher der Vorwurf an gewisse "Antifaschisten", sie würden durch das Tragen des "Palituchs" (im übrigen nur aus palästinensischer und aus westlicher Sicht ein Symbol für den palästinensischen Widerstand, ansonsten eine harmlose Kopfbedeckung, die im gesamten nahöstlichen Raum verbreitet ist) und die Verurteilung der USA als imperialistisch mit den deutschen Nazis gemeinsame Identitätsmomente teilen. Im übrigen ist es ein wenig fraglich, ideologiebelastete Umkehrschlüsse zu ziehen, wenn plötzlich der Teufel eigene heilige Dogmen für sich dienstbar macht.
Die Verbürgerlichung der Akteure in der neuen Israel-Solidarität äußert sich in gar sonderbaren Momenten. Es wird sich eifernd zu Werten und Normen des guten abendländischen bürgerlichen Staates bekannt. (Warum dann die "Zivilgesellschaft", als die in antinationaler Rhetorik bisher eine Allianz aus SPD, Grünen, Gutmenschen, Gewerkschaft und Bundeswehr im Ausland galt, verteufelt wird, erscheint immer unklarer.) Geht es um den Schutz deutscher Linker vor genuin-faschistischen Palästinensern und ihren - zum Teil aus der antiimperialistischen Altlast stammenden Helfern in Deuschland, dann heißt die grüne Gewalt nicht mehr "Bullen", sondern Polizei, so gelesen u.a. in Berichten über den Überfall unterschichtiger Migranten auf einer Bahamas-Veranstaltung in Berlin. Daran anknüpfend, verlangt es auch nach einer Feststellung hinsichtlich dessen, daß gewisse Akteure der neuen Israel-Solidarität unverholen einen Standesdünkel vor sich hertragen: Agieren da nicht unterschichtige Migrantenkinder gegen mittelschichtige, gebildete Weiße? Zur Verbürgerlichung gehört auch ein spezifischer Umgang mit Informationsquellen. Plötzlich darf sich wieder auf großbürgerliche Medien berufen werden und Mann ist sich auch nicht zu schade, indirekt George W. Bush zu zitieren, um die vermeintliche Drahtzieherei, zumindest aber unverständliche Nachsicht Yasir Arafats in Sachen Selbstmordattentate "nachzuweisen".
Und schließlich zum Sexismus: Ja, auch der fehlt nicht im politischen Handeln. Eine Meisterleistung beispielsweise legte ein junger Mann aus der neuen Solidaritätsbewegung hin, als er auf einer Kundgebung in Leipzig in die Rede einer deutschen Frau einfiel und zwar mit dem Satz: Schämen Sie sich! Abgesehen davon, daß jene Rednerin gerade dabei war, die Selbstmordattentate ebenso wie allen Terror zu verurteilen, erhält diese Aktion eine besonders rassistisch-sexistische, womöglich auch antisemitische Note. Deutsche Frauen, die mit Juden verheiratet / liiert waren, sollten sich schämen, so hieß es einst. Und oft genug rufen Nazis deutschen Frauen, die heutzutage mit offenbar nicht-deutschen Männern unterwegs sind, hinterher: Schäm dich! Im übrigen nimmt die neue Israel-Solidarität in ihrer Muslim-Araber-feindlichen Haltung Frauen als ewige Opfer patriarchaler, islamischer Unterdrückung und somit schwache Subjekte (eher Objekte) wahr. In Texten und Äußerungen erscheinen Frauen immer nur im Zusammenhang mit Islamismus ("islamischer Fundamentalismus"), der freilich objektiv frauenfeindlich sei.
Ich kann mich nicht des Eindrucks erwehren, daß hier bestimmte Akteure nach einem neuen Betätigungsfeld suchen, in dem sie sich als radikale Zeitgeister profilieren können. Es geht offenbar nicht um durch Selbstmordattentate terrorisierte Israelis, es geht überhaupt nicht um den Israel-Palästina-Konflikt. Es geht wie auch schon in anderen Debatten, namentlich der antinationalen-antideutschen im allgemeinen darum, sozialen Sinn zu produzieren: Seht da, die Masse! Wie ist sie grau und in falschen Vorstellungen befangen! Seht her! Wir sind die Aufklärer und noch mehr! Wir sind die einzigen Individuen, die sich vom Geist des Nationalsozialismus wirklich befreit haben, die gereinigt sind! Und da wir so rein sind, dürfen wir trotz arischer-deutscher Herkunft sogar darüber befinden, welche Israelis bzw. Juden wahrhaft richtig handeln, und welche nur dem antisemitischen Weltgeist verfallen sind bzw. sich wegen des ewigen Leidens selbst hassen. Wir befinden was wahr und richtig ist. Abweichende Meinungen sind nicht abweichend, sondern falsch. Alle anderen politischen Akteure der sogenannten Linken und Antifaschisten offenbaren ihren latenten Antisemitismus in falschen Solidaritätsbekundungen, etwa mit dem sogenannten palästinensischen Volk. Wir aber sind konsequent... Aus religionswissenschaftlicher Perspektive scheint mir der Begriff des Eifers naheliegend. Und Eiferern ging es schon immer vor allem um die Distinktion.
== J.== [Nummer:01/2002] |