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Die Freiheit der Inhumanität

Die Freiheit der Inhumanität

In der Incipito #08 war unter dem Titel ?the hive mind? eine Kritik der AKA an monogamen Paarbeziehungen zu lesen. Ihrer Ansicht nach stellen diese einerseits einen ?christlichen Wertekonsens? dar (S. 29), weshalb ihrem Text auch eine Kritik der Religion voransteht. Diese soll hier nicht diskutiert werden. Andererseits sind ihrer Ansicht nach monogame Zweierbeziehungen zu bekämpfende funktionale Struktur für die kapitalistische Gesellschaft (S. 28). Hauptsächlich aber sehen die AKAs nichts als ?Unterwerfung des Anderen?, ?Herrschaft und Zwang?, ?Gefängnisse?, ?Sklavengeist? und ?paranoide Kontrolle ?, welche ?dem Bedürfnis des Bürgers nach [...] totaler Polizeipräsenz? gleicht. Daher sollen Zweierbeziehungen ?bekämpft? und mit ihnen ?schmerzhaft und gewaltsam gebrochen werden?; ?Kompromisse sind [...] nicht duldbar?.
Gegenthese: Die Forderungen der AKAs zielen nicht auf Emanzipation, sondern auf die bedingungslose Zurichtung zum kapitalistischen Subjekt auf der Höhe der Zeit.
Eine Entgegnung in Thesen:

Zur Religionskritik

Auch wenn die AKAs mit einem ?zumindest historisch? relativieren, dass Zweierbeziehungen noch heute durch einen ?christlichen Wertekonsens? vorgegeben würden, scheinen sie selbst doch stärker daran zu glauben: Weshalb sonst hätten sie ihrer Kritik an ihnen eine der Religion hastig vorangestellt?
Dass Menschen ihre Monogamie als gottgewollt begründen, ist eine überkommene Vorstellung vergangener Dekaden . Welches ?Paar? z.B. im Leipziger Süden würde sein Zusammensein damit begründen, dass Gott sich ihre Beziehung in der Form monogamer Zweisamkeit wünscht? (Oder haben die AKAs in der ?Szene? vertrauensvoll herumgefragt?)
Mit der Behauptung einer religiösen Norm versuchen die AKAs ihre Kritik zu rechtfertigen, die sie anders nur schlecht begründen können.

Das Ideal der Flexibilität

Man muss sich doch fragen, warum man in Zeiten der Single-Parties, Lebensabschnittsgefährten, one-night stands, sinkenden Heiratszahlen und steigender Scheidungsrate, Fit4Fun-Körper-, Sex- und Fitnesskult, Speed-Dating etc. mit einer Kritik an der bürgerlichen Monogamie so merkwürdig auf der Höhe der Zeit ist und in der Welle des Mainstreams mitzuschwimmen vermag! Oder wuchert hier etwa schon untergründig kommunistische Emanzipation?
Das patriarchale Geschlechterverhältnis ist insofern in Auflösung begriffen, als der gegenwärtige Kapitalismus kein ?weibliches Prinzip? mehr duldet: Alle müssen zu harten, selbständigen, männlichen Subjekten werden. Weil alle sozialen Bindungen unverbindlich werden, weil ein Verlassen aufeinander nicht mehr möglich ist. Alle müssen zuerst für sich sorgen. Das heißt trotzdem nicht Abschaffung von Geschlechterhierarchien.
Das theoretische Ideal ist zwar noch die bürgerliche Kleinfamilie, aber sie entspricht nicht mehr den Anforderungen der gegenwärtigen wirtschaftlichen Praxis.
Ob als AkademikerIn, Ich-AG oder auch nur VerkäuferIn unter den aktuellen Ladenschlusszeiten, ob befristete Stellen, liberalisierter Kündigungsschutz, Auslands-Jobs oder Hartz-Konzept: Es ist mittlerweile der Praxis scheißegal, ob jemand Familie hat, Kinder erziehen soll oder wie bzw. ob sich die einzelnen Subjekte überhaupt noch reproduzieren, erholen können. Die gnadenlose Forderung der ökonomischen Realität heißt Flexibilität! Und damit Ungebundenheit, ?Freiheit? von Verantwortung. Um jederzeit und überall verwertbar und einsetzbar zu sein.

Selbständigkeitszwang

Eine steigende Unsicherheit des ?Wer weiß, was mal kommt?!?, eine empfundene absolute Unplanbarkeit der Zukunft läßt die Menschen zunehmend nervöser werden, wenn sie mit sozialen Beziehungen auch Verantwortung für Menschen aufbauen, die ihnen wichtig werden. Wenn man schon für sich mit aller Kraft nach Sicherheiten suchen muss, muss da nicht jede weitere Verantwortung als Belastung, wenn nicht gar als Bedrohung erscheinen? Daher gilt der Reflex: Menschen nicht mehr nahe an sich heran lassen. Menschen nicht mehr zu wichtig für sich werden lassen. Letztlich: Niemand Lieben. D.h. praktisch: Absolute Selbständigkeit und damit vorgespielte Bedürfnislosigkeit voneinander einfordern. ?Frei? ist scheinbar nur die unverbindliche Affäre, in der jedeR ?sein eigenes Ding? macht, ihr eigenes Leben führt. In der man sich nicht aufeinander verlassen darf; in der man ersetzbar ist und zusammen einsam bleibt. Es ist gesellschaftlicher Selbständigkeitszwang, den die AKA als ?Freiheit? einfordert.

Selbstverwirklichungswahn

Beziehungen zwischen Menschen stehen im Spannungsfeld von Freiheit und Verantwortung. Denn Verantwortung heißt eben auch, die andere Person ernst nehmen, wichtig nehmen als Mensch mit Wünschen, Bedürfnissen und Gefühlen.
Dieses Verantwortung-Übernehmen wird den Menschen heutzutage immer mehr suspekt! Auch, weil überall die wahnsinnskreativen Selbstverwirklicher von den Hochglanzseiten prahlen: Sei ganz DU selbst! Verwirkliche DICH! DU kannst es alles schaffen! Im gnadenlosen SELBST-Verwirklichen ist kein Platz mehr für andere Menschen. Um unter dem Druck der überflutenden Vielfalt uns auch wirklich alle (un)möglichen Chancen offen zu halten, müssen wir völlig unabhängig sein. Verantwortung und Liebe für einen Menschen dürfen nicht mehr sein; man wagt es nicht mehr, sich einen Menschen vertraut zu machen, aus Furcht, er oder sie könnte nicht völlig selbständig (selbst-ständ-ig: für sich stehend: isoliert: unabhängig: bedürfnislos) sein und Rücksicht benötigen. Affären statt Beziehungen.
Der Selbstverwirklichungswahn ist die adäquate Ideologie des kapitalistischen Selbständigkeitszwangs.

Selbstwertbestimmung
Eine Möglichkeit der Selbstwertbestimmung für uns kapitalistische Subjekte: Die eigene Attraktivität wird im Interesse an uns bzw. der Verliebtheit anderer in uns bespiegelt. Je mehr und attraktivere InteressentInnen wir an uns ziehen können, desto größer die eigene Attraktivität und das Selbstwertgefühl. Diesem Narzißmus können wir uns nur schwer entziehen. Aber er macht andere Menschen zum Instrument für diese unsere Selbstbespiegelung. Und er spielt mit den Gefühlen dieser Menschen.
Diese Selbstwertbestimmung ist für uns kapitalistische Subjekte eine ganz wichtige Rückversicherung: Sie hilft, uns in der gesellschaftlichen Konkurrenz einzuordnen und uns so das Gefühl zu geben, mithalten zu können, ?jemand? zu sein. Je stärker bzw. allgegenwärtiger Konkurrenzverhältnisse zutage treten, desto stärker das Bedürfnis nach Selbstwertbestimmung bzw. Selbstbestätigung, also auch nach Attraktivitätsbestätigungen. Polygamie entspricht diesem Bedürfnis kapitalistischer Subjekte.
Das Argument von 1968: ?Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment!? war schon damals nicht systemkritisch, sondern vermochte nur der eigenen polygamen Selbstbefriedigung und narzißtischen Selbstbespiegelung ein Latexmäntelchen der Emanzipation überzustreifen.

Refugium der Monogamie
Menschen sind immer auch bedürftige Wesen: Wir brauchen einander, weil wir Einsamkeit nicht ertragen, weil wir Hilfe benötigen, weil wir Nähe und Zuneigung brauchen. Wir haben diese ?Schwächen? der Bedürftigkeit und müssen sie zeigen können, vermitteln können, um deren Linderung zu ermöglichen.
Die gesellschaftliche Konkurrenz zieht sich bis in die Poren unserer Privatleben als prägendes Prinzip. Sie zwingt uns bewußte und unbewußte Fassaden auf, die wir nach außen tragen, Stärke und Hochglanz. Wir wollen chic, interessant, unterhaltsam, szeneintegriert, geistreich usw. wirken, als besonders wahrgenommen werden. Und sind uns darin alle gleich. Diese Fassaden lassen das Zeigen von Schwächen nicht zu.
Je härter wir nach außen wirken müssen, desto stärker wird das Bedürfnis, sich einmal fallenlassen zu können.
So wägen wir ab, wem wir was offenbaren, wir taktieren.
Ein (vielleicht: das) Besonderes an Liebe ist das Gefühl, sich einem Menschen so anvertrauen zu können, dass man sich selbst zeigen darf, als ganze Person. Und in dieser Offenheit nicht verletzt zu werden, sondern Nähe und Zärtlichkeit zu erfahren.
Zweierbeziehungen können eine der wenigen Möglichkeiten sein, Masken fallen lassen zu können, zu dürfen. Weil man sich gut kennt, weil man sich vertraut, weil man sich nicht mehr voreinander schämt. Und weil man sich liebt, weil man sich wichtig ist, kann man darauf vertrauen, nicht enttäuscht und verletzt zu werden. Durch unsere Offenheit werden wir verletzbar, daraus resultiert auch: Verantwortung füreinander.
Die versprochene Monogamie birgt einen Kern, birgt einen Splitter von Menschlichkeit in einer unmenschlichen Gesellschaft: Durch Festlegung gewährt man sich gegenseitig ein Stück Befreiung vom Leistungs- und Gutlaunigkeitszwang, vom Toll-Sein-Müssen, vom Zwang zur Bedürfnislosigkeit, der anderen Beziehungen anhaftet.
Wird an die Stelle der Monogamie ein ?offenes Beziehungsmodell?, die Polygamie gesetzt, zieht unfreiwillig verstärkt Konkurrenz mit ein: Damit der geliebte Mensch nicht mehr Zeit mit eineR andereN verbringt, nicht lieber bei ihm/ihr übernachtet, wenn wir diese Nacht nicht allein einschlafen möchten, entsteht wieder ein Zwang zur Gutlaunigkeit und Problemlosigkeit, zum Was-bieten-müssen. Es entsteht eine Konkurrenz der Polygamie. Wir sind also wieder gezwungen zu taktieren: zeige ich, wie es mir geht, oder ...? Polygamie bedeutet daher das Ende des Refugiums.
Wer die Idee fester Zweierbeziehungen in dieser Gesellschaft verwerfen will, nimmt den Menschen gleichzeitig einige der wenigen, kleinen Refugien und Splitter des Mensch-sein-könnens in der eigenen Schwäche und Bedürftigkeit, die in dieser Gesellschaft noch geblieben sind. Auch wenn diese Splitter eingebettet bleiben in den Formen einer falschen Gesellschaft.

Freiheiten
Die Freiheit, die die AKAs einfordern, ist Inhumanität. Jede Bedürfnisäußerung gilt ihnen als ?Herrschaft über den Anderen?, die ?Drohung [!] ... mit dem eigenen Leiden? ist ihnen ?noch ekelhafter?.
Die Konsequenz wären einerseits Menschen, denen ihre Freunde so gleichgültig wären, dass sie deren Leiden nicht mehr berührt, die sich davon nicht ?einschränken? lassen. Andererseits gälte das Verbot, an und in einer inhumanen Gesellschaft zu leiden. Und das Verbot, Bedürfnisse zu haben: Wir sollen so hart werden nach außen, dass uns niemand mehr ansehen kann, wie es uns geht! Wir sollen so hart werden, dass wir niemand mehr brauchen außer uns selbst! Das ist nicht emanzipativ, sondern kapitalistische Zurichtung pur.
Der ?Sklavengeist?, den die AKAs Paaren vorwerfen, ist bei ihnen: Ohne noch auf ihre eigenen Bedürfnisse zu achten, wollen sie sich bedingungslos dem gesellschaftlichen Flexibilitätsdiktat unterwerfen. ?Wir dagegen können auch niemanden verlieren, weil uns auch niemand gehört.? ? es ist das verzweifelte Lob der Armut jener, die ihrem eigenen Verlust ins Auge blicken müssen.
Die AKAs haben die Debatte um gesellschaftliche Totalität und apersonale Herrschaft verpasst. Sie glauben, dass Zwänge und Anforderungen nur von konkreten Menschen gestellt werden können. Nach ihrer Meinung wären alle Menschen frei, wenn kein Mensch Anforderungen und Bedürfnisse an einen anderen Menschen mehr stellen würde. Die Zwänge, die diese kapitalistische Gesellschaft stellt, sind nicht Unfreiheit? Die Wünsche und Reaktionen, die wir Subjekte daraufhin entwickeln, sind unhinterfragbar? Im Kapitalismus unterliegen Menschen immer Zwängen.
Der Freiheitsbegriff der AKA hat etwas Mechanisches: Freiheit wird nur verstanden als das mögliche Ausleben von irgend etwas; dies aber wird durch die Bedürfnisse einer anderen Person in dessen Durchsetzung potentiell ?eingeschränkt?. Was da ausgelebt werden soll, ist nach ihrer Meinung weder von der einen, noch von der anderen Person relativierbar und scheint gleichsam vorgegeben. Unbeachtet bleibt die gesellschaftliche Vermitteltheit dessen, was ausgelebt werden soll; nur das Ausleben ist Freiheit.
Anders wäre ein Freiheitsbegriff, der die eigenen Wünsche hinterfragt und reflektiert. Freiheit ist dann nicht nur das möglichst uneingeschränkte Ausleben von naturgegebenen, vielmehr: gesellschaftsgegebenen Wünschen und Reflexen. Sondern es wäre auch die Freiheit, sich für oder gegen etwas entscheiden zu können. Auch wenn es anderen oder dem Zeitgeist als einschränkend gilt. Es wäre eine Freiheit des Willens.
Menschliche Beziehungen bleiben in der Spannung und als Kompromiss von Handlungsfreiheit und Verantwortung füreinander. Aber wir haben die Freiheit, uns für diese Spannung zu entscheiden.
Ich kann mich demnach auch bewußt und frei für eine intensive Beziehung zu einem Menschen entscheiden. Ich kann mich bewußt zur Rücksichtnahme auf andere Menschen entscheiden, weil sie mir wichtig sind, weil sie Menschen mit Bedürfnissen und Gefühlen sind, und weil sie Rücksicht auf mich nehmen. Und wir haben die Freiheit zu versuchen, uns gegen gesellschaftliche Anforderungen zu stellen. Oder, um mich auch mit einem Adorno-Zitat zu schmücken: ?Der Befehl zur Treue, den die Gesellschaft erteilt, ist Mittel zur Unfreiheit, aber nur durch Treue vollbringt Freiheit Insubordination gegen den Befehl der Gesellschaft.? (Minima Moralia, Constanze )
Dass sich Menschen für diese Gesellschaft zurichten, um, bewußt oder unbewußt, den Anforderungen der Gesellschaft entsprechen zu können, ist ihnen nicht zum Vorwurf, aber bewußt zu machen. Es ist ein Reflex, um bestehen zu können.



1 Ich gehe an dieser Stelle darüber hinweg, dass es gegenwärtig wieder zu einem Erstarken von Religionen kommt, da dieser Effekt m.E. für das Thema (noch) nicht relevant genug ist und sich dabei auch nicht notwendigerweise auf althergebrachte religiöse Normen berufen wird.
2 Speed-Dating: (kommerzielle) Veranstaltung für Singles, bei der alle zwei Minuten per Signalton der/die Gegenüber gewechselt wird, um durch dieses Durchrotieren möglichst viele Menschen ?kennenzulernen?.
3 Liebe AKAs, eine Lesemepfehlung von Herzen!

== Jo ==
[Nummer:08.5/2003 ]
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