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Ganz normale Deutsche oder das Verhältnis der Linken in Deutschland zu Israel


    Am 2. Juni 1967 wurde Benno Ohnesorg auf der Anti-Schah Demonstration in West- Berlin von einem Polizisten erschossen, drei Tage später begann der Sechs- Tage- Krieg. Nun griff auch die simple Antiimperialismus Theorie der Linken gegen Israel und für den Palästinensischen Freiheitskampf. Da sich dieser Antizionismus bis heute in der Linken hält, muss eine Auseinandersetzung mit den theoretischen und praktischen Formen des Antizionismus, der linksradikalen, militanten und bewaffneten Gruppen in deutschland stattfinden. Es gilt den Bruch mit dem deutschen Täterkollektiv zu praktizieren und zu proklamieren und es muss entschieden gegen Antisemitismus/ Antizionismus in der Linken gekämpft werden. Es geht meines Erachtens nicht darum mit diesem besser auszukommen, wie es einige Menschen aus dem autonomen Spektrum fordern: "Unser Antisemitismus (der linke) ist nicht schlimmert oder harmloser als der anderer gesellschaftlicher Gruppen, wir sollten uns nur besser mit unserem Antisemitismus auskennen".[1]


Bis weit in die 60er Jahre war die Linke in Deutschland sich ihrer historischen Verantwortung bewusst und war solidarisch mit dem Israelischen Staat, auch durch die sozialistisch angehauchte Kibuzzimbewegung. So kann folgendes Zitat von Ulrike Meinhof als repräsentativ für die gesamte Linke bis 1967 in Deutschland stehen: "Es gibt für die europäische Linke keinen Grund, ihre Solidarität mit den Verfolgten aufzugeben, sie reicht in die Gegenwart und schließt den Staat Israel ein (...) Wer den Bestand dieses Staates glaubt zur Disposition stellen zu sollen, muss wissen, dass nicht die Täter, sondern wiederum die Opfer von damals getroffen würden."[2]

Eine Auseinandersetzung mit der Geschichte fand nicht statt, die Dichotomie von den herrschenden Tätern auf der einen und dem beherrschten Volk als Opfer auf der anderen Seite diente als Alibi, sich mit den gewöhnlichen deutschen Täterinnen und Tätern gar nicht erst zu befassen. Die Linke suchte die Verschmelzung mit dem Täterinnenvolk, und wollte die Sympathie durch den Gang in Fabriken oder durch Parolen wie "dem Volk dienen" erlangen, nicht aber durch die konsequente Konfrontation mit der eigene Verbrechensgeschichte.

Durch den Vergleich von Kapitalismus und Faschismus konnte sie den eliminatorischen Antisemitismus als Randerscheinung charakterisieren.

Faschismus galt als die gigantische Verschwörung von Bourgeoisie und Kapital zur Zerschlagung der organisierten Arbeiterklasse. Der eliminatorische Antisemitismus kam nur als Marginales, besonders grausames Verbrechen nicht jedoch als Essenz des Nationalsozialismus vor. Der Mühe im Sinne Adornos, das Unbegreifliche begreifbar zu machen, sich reflektierend selbstkritisch mit dem Täterkollektiv auseinander zu setzen, unterzog sich die Linke nicht.

Als sich Israel im Sechs- Tage- Krieg aus der Eskalations- und Umklammerungsstrategie der arabischen Staaten durch den Präventiv- Krieg befreite, kam auch in der Linken anfänglich noch einmal eine große Sympathie für Israel auf. So charakterisiert Ernst Bloch auf einem Kongress in Frankfurt die Israelische Bevölkerung als "ein kleines, tapferes, seine Wüste bebauendes, sein erneutes Land verteidigendes Volk". Nach dem militärischen Erfolg der Israelischen Armee gegen die Arabischen Staaten, diese ausgerüstet mit sowjetischen Waffen, hatte nun auch die bürgerlich- kapitalistische Bevölkerung in Deutschland Israel für sich entdeckt, und damit wendete sich das Blatt. Wenn Springer für Israel war konnte eine Linke nur gegen Israel sein, von dem Zeitpunkt an war die linke Israel Solidaritätsbewegung marginalisiert.

Ein erstes Signal für den Paradigmenwechsel setzte der SDS[3] 1967 auf seiner 22.Delegiertenkonfreenz: "Der Krieg zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn kann nur auf dem Hintergrund des antiimperialistischen Kampfes der arabischen Völker gegen die Unterdrückung durch die angloamerikanischen Imperialismus analysiert werden (...). Der SDS verurteilt die israelische Aggression gegen die antiimperialistischen Kräfte im Nahen Osten. (...) Zionistische Kolonisierung Palästinas hieß und heißt bis heute: Vertreibung und Unterdrückung der dort lebenden eingeborenen arabischen Bevölkerung durch die privilegierte Siedlerschicht. (...) Die Anerkennung des Existenzrechts der in Palästina lebenden Juden durch die sozialrevolutionäre Bewegung in den arabischen Ländern darf nicht identisch sein mit der Anerkennung Israels als Brückenkopf des Imperialismus und als zionistisches Staatsgebilde".[4]

Je illusionärer die Revolution im eigenen Land wurde, desto größer wurde der Wunsch dies in anderen Ländern mit zu erleben und zu unterstützen.

Antiamerikanismus und Antizionismus bildeten in der Folge die Kristallisationskerne der antiimperialistischen Theorie und Praxis. Sie erlaubten Maximaldistanz zur TäterInnengeneration, denn diese strotzte nur so vor Philo- Antisemitismus. Ausgerüstet mit einer Ressentiment geladenen Feindbildpflege mittels eines flexiblen Codes wandte man sich nun gegen Israel.

Wenn Israel rassistisch und ein Brückenkopf des Imperialismus ist, die Palästinenser die Opfer der Opfer sind und an ihnen systematischer Völkermord betrieben wird, ist Antizionismus eine besonders edle Form des Antifaschismus, für Deutsche zumal ein Akt des nachholenden Wiederstands.

Somit passte nun neben Algerien, Vietnam oder Südamerika auch Palästina in die Schablone der Antiimperialismus Theorie, die historische Vorraussetzung des Zionismus- die Verfolgung der Juden über Jahrhunderte hinweg die im Holocaust gipfelte- wurde vergessen und zwar zugunsten der um Befreiung kämpfenden "Unterdrückte Völker".

Mit militärischen Erfolgen der Fedajin z.B. im März 1968 verlor nun auch der Rest der Linken seine Bedenken gegenüber dem Volksbefreiungskrieg. Aufklärungsveranstaltung zur Lage in Nah-Ost mussten nun mit dem Zorn von Linken rechnen. Im Juli 1969 begann die intensive Kommunikation, z.B. Informationsreisen nach Jordanien, der deutschen antizionistischen Linken und palästinensischen Freiheitskämpfern.

Nachdem das ideologische Terrain abgesteckt war, war es nur eine Frage der Zeit bis es zur praktischen Umsetzung kam.

In der Nacht vom 9. November 1969 auf den 10.November machten deutsche Antizionisten ernst, sie brachten es fertig Mahnmale mit Sprüchen wie "Schalom und Napalm" zu beschmieren und eine Brandbombe in das jüdische Gemeindehaus in West- Berlin zu deponieren. Was ihre Väter und Mütter damals in dieser nacht auch äußerten, den Wunsch nach kompletter Vernichtung des europäischen Judentums- was später fast traurige Wahrheit wurde, wollten sie nun weiter führen. Die Gruppe Schwarze Ratten Tupamarus Westberlin- später teilweise in die Bewegung 2.Juni aufgegangen- schreibt dazu in ihrem Bekennerschreiben: "Am 31.Jahrestag der faschistischen Kristallnacht wurden in Westberlin mehrere jüdische Mahnmale mit 'Schalom und Napalm' und 'EL Fatah' beschmiert. Im jüdischen Gemeindehaus wurde eine Brandbombe deponiert. Beide Aktionen sind nicht mehr als rechtsradikale Auswüchse zu diffamieren, sondern sind ein entschiedenes Bindeglied internationaler Solidarität (...). Der wahre Antifaschismus ist die klare und einfache Solidarisierung mit den kämpfenden Feddayin (...). Jede Feierstunde in Westberlin und BRD unterschlägt, dass die Kristallnacht von 1938 heute täglich von den Zionisten in den besetzten Gebieten, in den Flüchtlingslagern und in den israelischen Gefängnissen wiederholt wird. Aus den vom Faschismus vertrieben Juden sind selbst Faschisten geworden, die in Kollaboration mit dem amerikanischen Kapital das palästinensische Volk ausradieren wollen."[5]

In der fortgesetzten Bagatellisierung und Trivialisierung der Shoa, als ein marginales Detail des Nationalsozialismus bzw. dessen Relativierung durch Analogien zwischen der israelischen Politik und der nazistischen Judenvernichtung wird die (uneingestandene) Sehnsucht nach Normalisierung, nach Entlastung des eigenen Kollektivs spürbar.

So war es den auch kein Wunder das der SDS anlässlich des Besuchs des Außenministers Israels folgendes veröffentlichte: "Der Besuch Abba Ebans (israelische Außenminister), der als Vertreter, eines rassistischen Staates in die Bundesrepublik reist, muss zu einer Demonstration und zum Protest gegen den Zionistischen, ökonomisch und politisch parasitären Staat Israel und seine Imperialistische Funktion im Nahen Osten werden (...). Nieder mit dem chauvinistischen und rassistischen Staatsgebilde Israel."[6]

Um diese Forderung in die Tat umsetzen zu können ließen sich militante Linke aller Couleur in Ausbildungs- lagern der Fatah militärischen Unterricht geben, um so in Deutschland gegen die Zionisten und Kapitalisten zu kämpfen. Was die Gruppe Haschrebellen, ebenfalls eine Westberliner Gruppe die später in die Bewegung 2.Juni aufging, bereits 1969 vorgemacht hatte, eiferten RAF[7] und RZ[8] ihr nach. So besuchten auch Horst Mahler, Andreas Baader und Ulrike Meinhof Ausbildungslager der Fatah.

Das Palästinensische Kommando Schwarzer September nimmt während der Olympischen Spiele in München am 5./6. September 1972 die Israelische Sportmannschaft als Geiseln, sie wollten die Freilassung von 200 in Israel inhaftierten Terroristen erpressen. Bei der Erstürmung des Fluchthubschraubers kommen alle neun Israelischen Sportler ums Leben, es sterben alle Geiselnehmer und ein Polizist. Da die Deutsche Polizei unfähig war den Hubschrauber zu stürmen ohne dabei die Geiseln zu gefährden, wird in der Folge die Eliteeinheit GSG 9 gebildet.

Der von Ulrike Meinhof für die RAF verfasste Text "Schwarzer September in München- Zur Strategie des antiimperialistischen Kampfes"[9], lobt sie diesen Anschlag auf die neun Israelischen Sportler, denn er sei "gleichzeitig antiimperialistisch, antifaschistisch und internationalistisch". Weiter heißt es dort "Israel verliert Krokodilstränen. Es hat seine Sportler verheizt wie die Nazis die Juden- Brennmaterial für die imperialistische Außenpolitik."(9) Wenn schon nicht die RAF, sollte es die RZ vier Jahre später versuchen, mit Hilfe von Palästinensischen Befreiungskämpfern ähnliches zu versuchen. Schließlich hatte die Bewegung 2.Juni[10] ein Jahr zuvor mit der Entführung des Berliner CDU- Vorsitzenden Peter Lorenz erfolgreich fünf inhaftierte freigepresst.

Die RZ entführte, im Sommer 1976 mit Mitgliedern der PFLP und der Bewegung 2.Juni, eine Air- France Maschine. Nachdem sie die Maschine mit über 250 Menschen an Bord in ihre Gewalt gebracht haben, landen sie in Entebbe(Uganda) um die Freilassung von 53 Gefangenen zu erpressen. Das Flugzeug wurde durch eine Israelische Spezialeinheit gestürmt, dabei wurden alle Mitglieder des Kommandos erschossen. Wie ordentlich auch die deutsche Linke die Tugenden gelernt haben die ihre Väter und Mütter schon im 3.Reich zum gebrauch machten zeigte, wie sorgfältig die deutschen Kommandomitglieder die jüdischen von den nicht- jüdischen Passagiern getrennt haben. Die bürgerliche Presse- auch die in Deutschland- war entsetzt über die Geschehnisse an Bord der Air- France Maschine, während es die Linke in Deutschland vorzog, sich Gedanken darüber zu machen ob die Autorität des Staates Uganda durch das Einfliegen der Anti- Terror Einheit übergangen wurde. Innerhalb der Linken kam es nur vereinzelt zu kritischen Äußerungen bezüglich einer Trennung von nicht- jüdischen und jüdischen Menschen. Durch die erstarkende Anti-Atom Bewegung verschwand der offene Antizionismus/Antisemitismus der Linken, dieser schwang aber immer mit. Denn "Die Gründe für den Antisemitismus in der Linken sind in der unzureichenden Ökonomiekritik und der kaum vorhandenen Staatskritik zu finden"[11].

Zum Beginn des Golfkrieges 1991 bekam die Linke in Deutschland noch einmal einen letzten Aufschwung. Als Saddam Hussein damit drohte Israel mit biochemischen Waffen, die mit Hilfe deutscher Techniker gebaut wurden, zu bombardieren und die israelische Bevölkerung das Ende des Krieges vor Gas abgedichteten Räumen abwartete, die Holocaustüberlebenden ein zweites mal mit Deutsch und Gas zutun hatten, organisierte die Linke in Deutschland Friedensdemonstrationen und schrieb Aufrufe, in denen die Israelische Bevölkerung keine Beachtung fand. Bei diesen Friedensdemonstrationen, wurde nicht nur einmal die Solidarität mit Saddam Hussein gefordert, und sein Durchhaltevermögen gegenüber den Alliierten gefeiert.

Zum Glück war nicht jedem zum Feiern zumute, die Zeitschrift konkret verlor während dieses Krieges 1.100 Abonnenten, die Redaktion hatte nach langer Antizionistischer Tradition zur Solidarität mit der israelischen Bevölkerung und Israel aufgerufen.


[1] Willi Bischof in "Wir sind die Guten- Antisemitismus in der radikalen Linken"
[2] Zitiert nach Martin Kloke aus seinem Buch "Israel und die deutsche Linke. Zur Geschichte eines schwierigen Verhältnisses"
[3] Sozialistischer Deutscher Studentenbund, bis Anfang der 60er Jahre Hochschulorganisation der SPD die sich dann aber von ihm trennte. Zwischen 1967 und 1969 war der SDS Kristallisationspunkt der radikalen neuen Linken. Nach dem Höhepunkt der Studentenbewegung löste er sich 1970 auf. Die Linke spaltete sich in diverse Gruppen, Parteien und Strömungen auf, von dogmatischen- marxistischen- leninistischen bis hin zu undogmatischen antiautoritären.
[4] Nach Martin Kloke siehe oben
[5] ebd.
[6] ebd.
[7] Rote Armee Fraktion, entstanden 1970, ihre erste Aktion war die Befreiung von Andreas Baader. Die Journalistin Ulrike Meinhof, schrieb unter anderem in Konkret, war einer der Gründungsmitglieder. Die RAF löste sich 1998 auf.
[8] Revolutionöre Zellen entstanden 1973 in Frankfurt und kamen aus dem Milieu der 68er Linken.
[9] nach "Rote Armee Fraktion- Texte und Materialen zur Geschichte der RAF" erschienen im ID- Verlag
[10] Gründete sich 1972 in Westberlin, der Name geht auf den Tag der Ermordung von Benno Ohnesorgs zurück. Vorläufer waren z.B. die Haschrebellen, als die Gruppe 1977 von Festnahmen derart dezimiert wurde, dass sie sich auflösen musste, wechselten einige auch in die RAF.
[11] nach "Furchtbare Antisemiten, ehrbare Antizionisten- Über Israel und die linksdeutsche Ideologie"(ISF)

== Fabian (incipito)==
[Nummer:01/2002]
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