05.12.07

Körper ohne Gewicht - Natur und Leib im Widerstand


Auf einem kleinen Berg stehen und auf eine hügelige Auenwiese hinuntersehen. Ich spüre den Luftzug, kein Auto ist zu hören. Das Auge hat das in großen Mengen, was man bei Tieren "Auslauf" nennt. Es kann sich austoben, schweifen, verweilen und stößt sich nicht an Autobahnen und Kraftwerksbauten. Ruhe, Leichtigkeit, langsame Bewegungen der Gräser, keine Hektik, dramatische Ereignisse sind ausgeschlossen.

In der Herbstnebelstille ist man in einer sonst nicht erfahrbaren Weise aufgehoben, bewahrt - es ist allein sehr schön und ebenso schön, einem Menschen zu begegnen. Man spürt sich wie unter einer Decke oder auch wie in einem wohleingerichteten Haus, das man zum ersten Mal betritt. Man tobt nicht herum, ja bewegt sich sogar gemessener, als eigentlich notwendig wäre.

Die Blätter der Zitterpappel, kurz vor ihrem Herbststurz zur Erde, klatschen ein letztes Mal der langsam sinkenden Oktobersonne Applaus. Es ist immer noch nicht zu kalt, als dass ich nicht auf einer Wiese liegen könnte; dort bin ich über nichts mehr betrübt, als darüber, dass die Sonne schon bald hinter den Wolken verschwindet. Ich spüre mich selbst in einer lebendigen Umgebung, auch und vielleicht gerade, wenn niemand meiner Art anwesend ist, obwohl er jederzeit zwanglos anwesend sein könnte. Es ist schön zu wissen, dass etwas lebt, was nicht durch mich und meinesgleichen gemacht wurde.

Gefrorenen Tau spüren, auf den ersten Halmen des Vorfrühlings in der Morgensonne. Die wärmt zwar kaum, doch Kälte macht mir wenig aus und es ist nicht einmal unangenehm, sich Schuhe und Strümpfe auszuziehen und probeweise über die Wiesen zu rennen.


Einleitung
Der Titel klingt nach Widerspruch. Er bezieht sich auf Judith Butlers "Körper von Gewicht", englisch: bodies that matter. In der Alltagsübersetzung also: Körper, die zählen, auf die es ankommt. Bei Butler sind das diejenigen, die sich durch ritualisierte Normwiederholung und Ausgrenzung alles anderen, heterosexuell konstituiert haben, eine Praktik, mit der die Autorin unzufrieden ist und die sie deswegen dekonstruieren möchte.

Meine Abwandlung möchte ich in zweifacher Hinsicht verstanden wissen:

1. Die massenhafte Vernutzung lebender Körper, menschlicher und nicht-menschlicher, zeigt, dass es auf sie als je einzelne real kaum mehr ankommt.

2. Auf den Körper sollte es in Hinsicht auf den Leib ankommen. Leib sei -mit Gernot Böhme (der sich dabei auf Plessner und Schmitz beruft)- definiert, als Natur die wir selbst sind (Böhme 2003: 9). Leib sind wir in der Selbsterfahrungsperspektive (ebd.: 12), Körper in der Fremderfahrungsperspektive als uns äußerlich gegebenes, durch Naturwissenschaften und Medizin manipulierbares Ding. Damit sind wir mitten in den Problemen und längst zurück von der Wiese in der Stadt, dort, wo man sich dem Fortschritt nicht verweigert und noch der letzte Hartz-IV-Empfänger weiß, was der bücherlesende Linke weiß: dass man den Errungenschaften von Aufklärung, Fortschritt und Technik alles verdankt. Beide wissen: sich dem Fortschritt verweigern, hieße, lebensbedrohliche Krankheiten nicht mehr mit Mitteln der modernen Medizin heilen wollen, hieße, für die Totalverschleierung aller Frauen einzutreten und ab morgen kein Internet mehr zu haben. Und weil sie das wissen, sind sie also -wie alle anderen- für den ganz normalen Betrieb - für die Forschung an neuen Waffensystemen, Entlaubungsmitteln und Tütensuppen. Falls, ja falls doch einmal etwas gegen eine tödliche Krankheit unterkommen sollte. Man weiß ja nie.

Der linke Aufklärer redet darüber hinaus noch ganz gerne vom "falschen Ganzen", davon, dass es kein richtiges Leben im falschen gebe, dass nur der Kommunismus und nichts unterhalb seiner anzustreben sei - wenn die Rede aber auf den Fortschritt kommt, weiß er: Fortschritt ist immer zu begrüßen, mindestens nie zu verteufeln - jede arbeitssparende Maschine ein Baustein zum Kommunismus - Schalalalalaaa. Wenn irgendein Bürger von der Straße für die Einführung einer Reichensteuer plädiert, schreit er: "Verkürzte Kapitalismuskritik! Für den Kommunismus!". Beklagt jemand die Folgekosten von Fortschritt und Technik, die rabiate Vernichtung menschlicher und außermenschlicher Natur, wird also jemand konkret, dann wird gleich nachgefragt: "Na, wie soll´s denn anders gehen, sollen wir wieder auf Bäumen leben?", da solle man den Damen und Herren Kommunisten doch bitteschön das Patentrezept aus der Tasche zaubern. Einstweilen allerdings bleiben sie überzeugt, dass das, worin sie leben, die "im falschen Ganzen" maximal mögliche Entfaltung bietet und geben hin und wieder zu, dass da und dort das gute Geld für falsche Zwecke eingesetzt wird. Am "falschen Ganzen" wird lediglich die Leere des eigenen Portemonnaies beklagt. Warum nur hat man solche Angst davor, endlich zuzugeben, dass dieses großartige Ganze genau das ist, was man will?!

Heute möchte ich dem drei Dinge entgegen halten:

Max Weber macht in seinem Buch "Die protestantische Ethik..." deutlich, dass der Geist des Kapitalismus, also der Geist des Fortschritts, von Leuten entfesselt wurde (Calvin nämlich, seinen Anhängern und verwandten Sekten), die gegen nicht-religiöse Kulturgüter und nichtwissenschaftliche Literatur, gegen Weihnachtsfeste, gegen den Maibaum, gegen Theater, den Schmuck der Person, ja sogar gegen das Würzen von Speisen gehetzt haben, was das Zeug hielt; ihr Ziel war erklärtermaßen eine Uniformierung des Lebens, die heute ideelle Grundlage der "standardization" kapitalistischer Produktion ist (Weber 1993: 140ff). Hier - genau hier beginnt Fortschritt.

Als zweites eine Bemerkung von Max Horkheimer; sie stammt aus dem Spiegel-Interview 1970 "... der wahre Revolutionär (ist) dem wahren Konservativen verwandter ... als dem sogenannten Kommunisten heute" (zit. bei Kaltenbrunner 1972: 52).

Das dritte ist ein kleines Rätsel: Wer hat folgendes gesagt: "Der Schornstein muß rauchen. Genau das aber wollen die Grünen nicht, und auch das wird das Wochenende zeigen: Mit der Klimakatastrophe beginnt das Event, Forderungen nach Senkung des C02-Ausstoßes werden mit satten Mehrheiten verabschiedet werden. Geht es nach den Grünen, sollen also Kraftwerke abgeschaltet und qualmende Industrien stillgelegt werden – das Geld zum Umverteilen kann dann nur aus dem globalen Spielcasino kommen." a) Otto Graf Lambsdorff, Ehrenvorsitzender der FDP in seiner Kolumne in der Zeitung "Die Welt", b) Oskar Lafontaine als Gastredner einer Tagung der Bremer Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik, c) Jürgen Gansel, wirtschaftspolitischer Sprecher der NPD-Fraktion im Sächsischen Landtag, d) Henryk M. Broder im Online-Tagebuch der Mitglieder des publizistischen Netzwerks "Die Achse des Guten". Hier die Quelle: http://www.jungewelt.de/2007/11-23/042.php. (Sorry for that.)


1. Krise
Ich beginne mit einem Punkt, mit dem früher gern geendet wurde - mit Krise und Zusammenbruch.

Frage: Was braucht das Kapital zum leben? Antwort mit Marx: Die zwei Elemente A und Pm - Arbeitskraft und Produktionsmittel, beide als gegen Geld zu habende Waren auf einem Markt. Wie lange wird es das Kapital geben? Solange es A und Pm vorfindet. Wie sind A und Pm gegeben? A: In Form von menschlicher Muskel- und Geisteskraft, die durch Nahrung und durch Einübung und Benutzung spezifischer Arbeitskraftanwendungsfähigkeiten (z.B.: Arbeitsethos, Bildung, ausgeglichenes Familienleben) erhalten werden. Pm: Maschinen, Anlagen, wissenschaftliche Erfindungen und technische Fertigkeiten, Rohstoffe. Braucht Kapital, um Kapital zu sein, besonders viel A oder Pm? Nein, es braucht sie in einem bestimmten Verhältnis (natürlich beide > 0); es hat weder den Anspruch, die physischen (Natur = griech.: physis) Träger von A zu ernähren, noch die Träger von Pm zu schonen. Braucht Kapital den reibungslosen Fluss von A und Pm? Nein: Es braucht sie eben und solange sie -wenn auch stockend- zur Verfügung gestellt werden, wird es Kapital geben. Will das Kapital die Zahl der in seinen Prozess Eingeschlossenen auf irgendeinem gesamtgesellschaftlichen Optimum halten? Nein: Es gibt keinen optimalen, normalen oder nicht-normalen Kapitalismus; damit ist übrigens auch -rein logisch- die Möglichkeit ausgeschlossen, dass der Kapitalismus zu etwas Schlimmerem führen könnte, als er selbst ist - wer so denkt, muss eben einen Punkt festsetzen, an dem er sagen kann: Bis hierher war der Kapitalismus er selbst, ab jetzt kommt etwas Schlimmeres.

Wann kommt dieser Prozess aus sich heraus zum stehen? Genau dann, wenn seine Lebensgrundlagen A und Pm verschwunden sind. Wann ist das der Fall? Genau dann, wenn deren natürliche Träger, die organischen Grundlagen, weggebrochen sind oder/und kein menschliches Individuum die genannten Arbeitskraftanwendungsfähigkeiten mehr besitzt.

Nun gibt es kein menschliches Leben ohne die Transformationen von Stoff und Energie - auch wenn postmoderne Spinner nichts anderes als Dekonstruktion kennen (dazu Altvater 2005: 98). Und Transformation muss von tätigen Menschen an gegebenem Material ausgeführt werden - das klingt nach dem beschriebenen Kapitalprozess. Doch muss man sich folgendes klar machen: Als Prinzip der Totalvernutzung (und diese Totalvernutzung hat darin ihr Fundament, dass die Steuergröße dieser Gesellschaft die Profitrate und nicht die Profitmasse ist) kennt das Kapital kein Ende, es kann gar nicht anders, als A und Pm zusammenzuzwingen, daraus Waren herstellen zu lassen und diese Waren in Geld zu verwandeln. Es ist -mit Henry Ford zu sprechen- "Das große Heute, das größere Morgen" (Original: To day and to morrow). Damit einher geht Müll, den man in zunehmend überbeanspruchten Senken verschwinden lässt. Dieser Zwang zur Transformation von Stoff und Energie ist völlig verschieden vom Transformieren von Stoff und Energie für etwas anderes, dessen Ansprüche durch Raum und Zeit begrenzt sind. (vgl. Altvater 2005: 106). Dieser Zwang ist einzigartig auf der Welt, so etwas gibt es kein zweites Mal. (Wer jetzt an Krebs denkt, denkt falsch. Krebs wächst nicht, weil er schon gewachsen ist, sondern aus außer ihm liegenden Gründen.) Dieses Prinzip kann nur getötet werden, selbst sterben würde es -wie vorhin gesehen- erst in dem Moment, in dem die letzten natürlichen Träger von A und Pm verschwunden wären. Nur ein solches Prinzip kann fortschrittlich sein. Das permanente Weitermachen, Fortentwickeln, sich-nie-zufrieden-Geben, kein-Genug-kennen - nur das ist Fortschritt. Alles andere mögen Änderungen, ja Neuheiten sein - nur das Kapital bietet die Gewähr dafür, dass es immer neue Entwicklungen gibt, die an ehemals neuen Entwicklungen anschließen, dass man also mit Neuigkeiten rechnen kann und muss. Das ist eine Angelegenheit der Logik und nicht des Beliebens, also auch nicht von Fortschrittlichkeit oder Fortschrittsfeindschaft - was Misstrauen gegenüber diesem Automaten "Kapital" nicht ausschließt: "Wer vor einer neuen Erfindung nicht erzittert, kennt nicht die Geschichte der Erfindungen." (Gómez Dávila 1994: 77)

Über die Logik stolpert Theodor W. Adorno (1998: 564), wenn er konstatiert: "die Krisis, der die Soziologie sich gewachsen zeigen muß, (ist) nicht mehr die der bürgerlichen Ordnung allein, sondern bedroht buchstäblich den physischen Fortbestand der Gesellschaft insgesamt". (Im Hinterkopf: Natur, griechisch: "physis" - es gibt keinen physischen Fortbestand von Gesellschaft). Seiner kritischen Intention, die Gefährdung des menschlichen Lebens auf der Erde durch eine sich hinterm Rücken vollziehende Vergesellschaftung aufzuzeigen, ist dadurch die Spitze genommen, dass unverfügbar Gegebenes problemlos mit Gesellschaft verkoppelt wird. Bedroht ist "die Gesellschaft" solange nicht, solange Kapitalverwertungsprozesse aneinander anschließen. (Vielleicht liegt hier die Ursache für die Ambivalenz der Kritischen Theorie bezüglich der Natur - einerseits das Naturschöne zu feiern, andererseits Naturbeherrschung nur verkoppelt mit Naturverfallenheit denken zu können. Man wird m.E. der Kritischen Theorie hier nur gerecht, indem man den Bezug auf sie selbst ambivalent hält, was ich im folgenden auch machen werde.)

Was aber passiert, wenn ein Prinzip, das der permanente Wechsel, ja sogar die Forcierung des permanenten Wechsels ist (Stichwort: Effizienz), auf prinzipiell begrenzte Voraussetzungen angewiesen ist (Natur, bzw. eine nicht voll dem Effizienzdiktat unterzuordnende Psyche)? Antwort: Es wird sie total bis zur völligen Erschöpfung zerrütten.

Zwei Illustrationen dieser Tendenz: Im "Summary for Policymakers" des IPCC 4th Assessment Reports über den Klimawandel wird konstatiert: "... it is likely that anthropogenic warming has had a discernible influence on many physical and biological systems. Much more evidence has accumulated over the past five years to indicate that changes in many physical and biological systems are linked to anthropogenic warming" (Intergovernmental Panel on Climate Change 2007). "Selbst unter den striktesten Klimaschutzszenarien sind eine weitere Erwärmung und einige der damit verbundenen Auswirkungen im Laufe des 21. Jahrhunderts bereits unvermeidlich", sagt der Entwurf für den neuesten Weltklimabericht. Ein "bedeutender Teil" der europäischen Pflanzenwelt wird bis Ende des 21. Jahrhunderts gefährdet oder gar vom Aussterben bedroht sein (http://onnachrichten.t-online.de/c/13/39/77/24/13397724.html).

Psychische Erkrankungen nehmen zu - so hat sich 2003 im Vergleich zu 1997 und bezogen auf Tage der Arbeitsunfähigkeit je 100 Versicherte der Anteil psychischer Erkrankungen als Ursache für Arbeitsunfähigkeit nahezu verdoppelt. "Der Anteil von krankheitsbedingten Frühberentungen wegen psychischer Erkrankungen steigt dramatisch", verlautbart die Pressestelle der DAK.

Das Zusammenbruchspotenzial liegt darin, dass ein physisloser Zusammenhang seine Voraussetzungen (und die fallen niemals mit ihm selbst zusammen) total untergräbt. Andere Formulierung: dass die Fortschrittsdynamik keine innere Schranke hat. Alles, was keine innere Schranke hat, ist der Vernichtungstrieb selbst. Dazu braucht man nur einfache Begriffslogik. Und die kann auch ein Dialektiker einsehen, Walter Benjamin z.B.: "Der Begriff des Fortschritts ist in der Idee der Katastrophe zu fundieren. Daß es 'so weiter geht', ist die Katastrophe. Sie ist nicht das jeweils Bevorstehende sondern das jeweils Gegebene." (Benjamin 1984: 151).

Eine die gegenwärtige Gesellschaftsform beendende Krise, deren Eintreten von einigen an Marx orientierten Theoretikern angenommen wird, ist also aus Zusammenbruchserscheinungen (im o.g. Sinne) nicht ableitbar. Weder eine Exklusion von immer mehr Menschen, noch die fortschreitende Depravierung der natürlichen Umwelt sind identisch mit dem Ende der (Wert-)Gesellschaft.

Fazit: Jeder Zusammenbruchsbegriff, der sich nicht direkt auf nicht-menschliche Körper und auf das Befinden menschlicher Leiber bezieht, ist, weil zu schwammig, analytisch unbrauchbar.

Das Kapital greift auf die natürliche Umwelt zu als nicht mit ihm zusammenfallend (nicht eine Optimal- oder Maximalzahl von Körpern).

Das Kapital ist wirklich "the enemy of nature" (Joel Kovel).


2. Gesellschaftlicher Fortschritt gegen die Natur
2.1 Die Gesellschaft totaler Verfügbarkeit in der unverfügbaren Natur

An diesem Punkt lässt sich festhalten: das Gesellschaftsprinzip ist in allem, was es ausmacht, von jeglicher Physis getrennt. Einer, der diese beinharte Trennung an zentraler Stelle in seine Gesellschaftstheorie integriert hat, ist der soziologische Systemtheoretiker Niklas Luhmann. Indem er in der Welt unterschiedliche, sich selbst durch nur je eine bestimmte Operationsweise herstellende Subsysteme identifiziert (Leben - Zelloperationen, Gesellschaft - Kommunikation, Bewusstsein - Gedanken/Vorstellungen) thematisiert er genau diese Realtrennung durch das Kapital. Wenn hier gesagt wird, das Prinzip "Kapital" ist die Totalvernutzung seiner Voraussetzungen, mit denen es nicht zusammen fällt, sagt Luhmann: "Nicht alles, was von einem System abhängt, ist Teil des Systems. Die Systemgrenzen differenzieren ... nicht zwischen Abhängigem und Unabhängigem, Zusammenhängendem und Nichtzusammenhängendem ..." (Luhmann 1978: 32).

Diese Theorie reflektiert in ihrer Fixierung auf die Funktionserfüllung von Systemen durch Operationen radikal ehrlich die angemaßte Autarkie der Vernunft und die generelle Leibfeindschaft des modernen Menschen, gegen die eine menschenfreundliche Praxis angehen müsste.

Natur als das Unverfügbare (dazu allgemein: Böhme 1997 a: 13 und Altner 1991: 4), als äußere und als meine leibliche, von der ich unausweichlich betroffen bin, von der ich mich abhängig erfahre, ist wegen dieser Unverfügbarkeit ein Widerstand gegen jedes sich Autarkie anmaßende Prinzip (das, wie gesehen, immer Vernichtung bedeutet). Sie ist auch ein Widerstand gegen den Funktionalismus, der nur noch Beziehungen gelten lässt und auf sachliche Grenzen keine Rücksicht nimmt (dazu auch Jünger 1953: 297f). Darauf bezieht sich der zweite Teil meines Titels. Was unverfügbar ist, ist nicht-objektivierbar (Altner 1991: 4), entzieht sich der Totalität ("Die Angewiesenheit des Fortschritts auf Totalität aber kehrt einen Stachel wider ihn." sagt Adorno [1980: 30], der den Fortschritt aber nicht verwerfen will) des Kapitals und kann als Widerstandsbastion benutzt werden. Das auch ausdrücklich gegen Roswitha Scholz gesagt, die hier wegen ihrer allzu engen Bindung an die Kritische Theorie anderer Meinung ist. Nachzudenken wäre dabei auch über das Weibliche, das wegen der Zuschreibung von Natur an es vielleicht ebenfalls eine solche Widerstandsbastion sein könnte, mindestens muss man darüber nachdenken, ob hier vielleicht die Differenzfeministinnen viel mehr recht haben als die neue kritische Theorie von Scholz.

Verallgemeinert: Jede erfahrene Abhängigkeit, jedes Gebundensein an Leiblichkeit ist ein Fingerzeig auf gebotene Solidarität, jede Autarkiebestrebung ein Schritt hin zur Vernichtung. Autarkie ist dem abhängigen Leiberleben kontrastiert; Türckes Deutung von Adam und Eva gibt eine gute Illustration (vgl. Türcke 2001: 103) - der Mann ist als Bedürftiger hingezogen zur Frau, die Autarkie des Geistes gilt nicht mehr; indem er seinem Bedürfnis nach Abhängigkeit nachgibt, verletzt er das herrschende Gesetz, leistet Widerstand, beide verlieren, sie werden nicht mehr in der Totalität gehalten und sind in Zukunft auf Solidarität angewiesen). Das gilt auch für den Leib, als die Natur, die ich selbst bin. Mein auf Aktivität und Autonomie gerichtetes Selbstbewusstsein ist nur möglich, wenn ich mich mir selbst als Leib, abhängiger, schmerzgeplagter, müder Leib versichert habe. (Und zwar als dieses sich-selbst-begründende Ich nicht mit ihm zusammenfalle, denn Selbstbegründung heisst ja, sich nichts widerfahren lassen zu müssen/können.). Natürlich ist das K.O.-Kriterium für jedes sich-Wohl-Befinden ein schmerzender Leib, doch ist ebenso in ewiger Lust kein menschliches Leben möglich (Böhme 2003: 95), weil es gar keinen spürenden Leib gäbe (selbst "auf dem Wasser liegen und friedlich in den Himmel schauen", wie sich Adorno [1994: 208] ausdrückt, tut man leiblich. Das Wasser ist für mich spürbar als nicht mit mir zusammenfallend). Damit ist auch gleich dem Lieblingsargument "Es gibt gar keine Natur (mehr), alles ist immer schon gesellschaftlich." vorgebeugt. Müdigkeit und Zahnschmerzen lassen sich durch noch so intensives Nachdenken über Gesellschaft nicht wegreflektieren, im Orgasmus und auch auf dem Weg zu ihm ist eine naturwissenschaftliche Untersuchung des tätigen Körpers durch mich unmöglich; weder in den Augenblicken von Zahnschmerzen noch in denen von Orgasmen sind wir uns selbst gesellschaftlich gegeben, wir sind in der Tat dabei Natur, uns "unverfügbar". Wenn ein Saatkorn auf die Erde fällt und nach einer Zeit keimt, hat das nichts, aber gar nichts mit zweiter Natur und Kapitalismus o.ä. zu tun - dieser Vorgang ist nicht menschengemacht und seine Ursache ebenso wenig wie die spezifische Form von Schneekristallen erklärbar. Die Schöpfungstheorie an dieser Stelle einzusetzen, halte ich für völlig plausibel. Bitte: Wir wissen doch, was schlechte Luft ist und wir spüren doch ganz deutlich, dass sich das Wetter von Jahr zu Jahr toller gebärdet. Warum nur lässt sich die Ignoranz dermaßen feiern und all die Studien aufmarschieren, die erklären, dass das eigene leibliche Spüren überhaupt nichts wert ist? Schon vor 15 Jahren musste sich Elmar Altvater mit dieser Lust an der Ignoranz auseinandersetzen (dazu: Altvater 1992: 110f). Als ich schulisch sozialisiert wurde, bezog sich die Leugnung übrigens auf das Ozonloch, das gar nicht nachgewiesen sei. Keiner der damaligen Querdenker gegen die dummen Ökos hat sein Geschwätz bedauert. Heute bleibt den Klimawandelleugnern nichts anderes mehr übrig, als die Zeitung "Die Welt" zu zitieren, denn die ist die einzige, die einschlägige Verrückte immer noch ernst nimmt. Und ich sage das Wort auf Wunsch eines einzelnen CEE-IEH-Kolumnisten gern noch mal: "Klimawandelleugner", Kurzform: "Klimaleugner". (vgl. http://www.conne-island.de/nf/141/3.html) Die Presse geht langsam dazu über, nachdem sie zunächst den Klimawandel und danach dessen menschliche Verursachung geleugnet hat, zu erklären, jedes Handeln gegen den menschengemachten Klimawandel käme bereits zu spät. (z.B.: FAZ, 02.12.07)

In jeder Menschenprägung erhält sich Natur - logisch, wäre das nicht so, könnte der Mensch mit Stofflichem nicht mehr umgehen, wäre sein tätiges Leben längst virtualisiert. Und was wäre überhaupt das "sein" im letzten Satz? So, wie man nach Adornos (oder Horkheimers?) Bemerkung am besten den Antisemiten fragen sollte, was Antisemitismus ist (der hat mit dem Begriff keine Probleme und weiss genau, wen er im Pogrom treffen will), so könnte man die Agenten des Fortschritts bei ihrem Tun beobachten - was immer sie da treiben, an der Naturzerstörung kann man sie erkennen. (Auch dem Fortschritt also ist Natur letztlich "unverfügbar"). Naturbegreifen geht eben nicht als Faktenhuberei oder Begriffsklauberei, sondern als hinsehen, als der Versuch (!), sich einzufühlen und als wortwörtliches Be-Greifen.

Auch wegen des immer schon daseienden Widerstands gegen das Fortschrittsprinzip des Kapitals, das alles, was es braucht zur totalen Verfügung hält, ist Natur nicht zugunsten von Künstlichkeit oder totaler Vergesellschaftung (und sei ihr Anstrich noch so emanzipatorisch) zu verabschieden. Der Anblick des Taus, der einem im Morgensonnenlicht entgegenglitzert, wird wohl spätestens seit der Aufklärung als Begründung für Natur nicht mehr akzeptiert. Immer weniger Menschen empfinden die Schönheit von etwas, das einfach ohne Technik und Mühe da ist, die Schönheit der Lilien auf dem Felde, die nicht arbeiten und die der Vögel, die nicht säen, nicht ernten und doch vom himmlischen Vater genährt werden, wie sich Matthäus (6, 26/28) ausdrückt. Wer überall nur Gesellschaft sieht, macht sich dumm, indem er vom Leib geradezu zwanghaft absieht. Das gemeinsame Deichverstärken bei Hochwasserbedrohung hat dann selbstverständlich nichts mit einem Schutz vor Überflutung zu tun, sondern nur mit der Neukonstitution der Volksgemeinschaft. Die Leibperspektive von Hochwasser: Gehinderte Fortbewegung, Schlamm, das Atmen erschwerende Wassermassen; diese -einem sinnlich auf den Pelz rückenden- Zwänge, kommen in der Beurteilung durch große Teile der Antifa-Szene und der Theorielinken nicht vor. Längst haben sie sich in die Virtualität verabschiedet, aus der sie nur für kurze Zeit zum Besuch irgendwelcher Schlägereien wieder auftauchen. Und dort gröhlen sie dann, wie es zu ihnen passt: "Kühe, Schweine, Ostdeutschland."

In den einschlägigen Kreisen ist längst bekannt, dass Mülltrennung Ausdruck des Deutschseins (Café Morgenland, http://www.fluchschrift.net/archiv/heiligendamm.htm) oder mindestens Vorform des Faschismus (Roswitha Scholz, mündliche Mitteilung) ist. Es geht nicht mehr um die Einsparung von Ressourcen, oder um den Erhalt einer akut bedrohten Lebensumgebung, sondern darum, wer was bei seiner Handlung gedacht haben könnte. (Sehr ähnlich übrigens Judith Butler, bei der es auch nicht um Körper geht, sondern darum, wer wie über Körper redet.)

Dieses erwähnte Nur-Gesellschaft-Sehen kann auch auf der Ebene kritisch-theoretischer Anstrengung zu Verkürzungen führen. Auf einer Veranstaltung der Gruppe in Gründung wird unter anderem zur Diskussion gestellt, dem Menschen -als Naturwesen gefasst- entspräche der "Mühe"-Aspekt der Arbeit als äußere Naturnotwendigkeit. Nun ist das nicht ganz falsch, aber doch auffallend, wie die Verbindung zur Natur nur in der Notwendigkeit, sich gegen sie zu behaupten, gesehen wird und nicht bspw. in der Möglichkeit, Anmutungen zu erfahren (dazu grundsätzlich Böhme 2003). Ästhetische Erfahrungen scheint man nur in Galerien, gigantischen Malls und auf den ungesunden Drogenpartys irgendwelcher Szenen machen zu können, nicht aber unter vollen, im Wind rauschenden Baumkronen. Dass ich mit dieser ein bisschen böse klingenden Einschätzung recht habe, wird durch einen Seitenaspekt in der Diskussion bestätigt. Es wird als Marx´ Ansicht dargestellt, dass schließlich die Arbeit den Reichtum produziere, was nicht stimmt. Marx bemüht als Kronzeugen gegen diese falsche Ansicht den von ihm verehrten Ökonomen William Petty. Hier zwei Originalstellen: "Die Arbeit ist nicht die Quelle alles Reichtums. Die Natur ist ebenso sehr die Quelle der Gebrauchswerte (und aus solchen besteht doch wohl der sachliche Reichtum!) als die Arbeit..." (Marx MEW 19: 15) und noch mal im Kapital: "Arbeit ist also nicht die einzige Quelle der von ihr produzierten Gebrauchswerte, des stofflichen Reichtums. Die Arbeit ist sein Vater, wie William Petty sagt, und die Erde seine Mutter.“ (Marx MEW 23: 57f)

Natur bzw. Erde - als Quellen des Reichtums. Marx wusste es noch.


2.2 Schnelligkeit und Entkörperlichung

Wir hatten gesehen: Einzig das Kapital bietet die Gewähr dafür, dass eine Neuigkeit nicht allein bleibt, dass es einen Entwicklungswettlauf gibt. (ganz ohne Wertung). Mit dem Produktivitätszwang einher geht die "... Diffamierung der Ruhe, der Nachsicht, des rezeptiven Seins." (Marcuse 1979: 136), somit eine Bevorzugung von Schnelligkeit gegenüber durchdringender Erfahrung; verbunden mit Entkörperlichung, mindestens mit der Herabwürdigung von Körpern sickert der Zeitdruck in alle Poren der Gesellschaft. Doch die Rhythmen der Natur sind meist nur in Katastrophen schnell (dazu auch Altvater 2005: 76), Natur kennt zwar Aufregungen bspw. in Flucht und blitzschnellem Angriff, aber nicht permanente Hektik.

Vor allem in der Stadt haben Muße und Langsamkeit keine Chance. (Die Schnelligkeit des Sprechens in Stadt und Land ist immer noch offensichtlich unterschiedlich.) Vielleicht liegt es nicht nur an der Häufung unterschiedlichster schneller Verkehrsmittel, sondern auch an den vielen Dienstleistungsbetrieben, in denen die Angestellten so überdreht energiegeladen wie pubertierende Jugendliche agieren, denn das gilt heute als freundlich. Vielleicht auch haben die vielfältigen Möglichkeiten, in der Stadt elektronische Musik zu hören, eine Aktie daran.

Die ersten, die Geschwindigkeit und Entfesselung direkt in Verbindung mit Schönheit bringen, so, wie es heute nur noch die ex-linken Aufklärungsfans können, waren die italienischen Futuristen:

"Wir wollen die Liebe zur Gefahr besingen, die Vertrautheit mit Energie und Verwegenheit. ... Bis heute hat die Literatur die gedankenschwere Unbeweglichkeit, die Ekstase und den Schlaf gepriesen. Wir wollen preisen die angriffslustige Bewegung, die fiebrige Schlaflosigkeit, den Laufschritt, den Salto mortale, die Ohrfeige und den Faustschlag.

Wir erklären, daß sich die Herrlichkeit der Welt um eine neue Schönheit bereichert hat: die Schönheit der Geschwindigkeit." schreibt Marinetti (http://www.kunstzitate.de/bildendekunst/manifeste/futurismus.htm), der Inspirator der Bewegung 1909. Er gibt einem aufheulenden Auto den Vorzug vor der Nike-Statue, ruft nach der Bombardierung Venedigs und setzt Dichtung mit dem Kult des Fortschritts und der Geschwindigkeit gleich.

1924 widmet er sein Werk "Futurismus und Faschismus" seinem "teuren und großen Freund Mussolini" und hofft auf die Errichtung einer Artokratie (eine Künstlerherrschaft), in der er und faschistische Parteigänger ungehemmt die modernen Errungenschaften (Krieg, Geschwindigkeit, Hass auf die Tradition, Gewalt, Schnelligkeit, Frauenverachtung - alles im Futuristischen Manifest) feiern können.

In der technischen Apparatur, die die gesamte Gesellschaft durchzieht, fallen menschliche Körper nahezu nur noch durch Betriebsstörungen, Unfälle auf, entweder als Zermalmte oder als denkende und im Vergleich zur Technik abweichen könnende Helfer, eine Beobachtung von F.G. Jünger (1953: 299f, 307f). Abdrängen des Körpers und Feier der Energie - das bringt uns auf die Gleichung E = m * c2. Wer Körper nur benutzt und wem Energie alles ist, muss eine unmäßige, alle Vorstellung sprengende Geschwindigkeit wollen.

Die Futuristen können mit dem Beginn des 21. Jahrhunderts zufrieden sein: Nahezu keine Schrift im Fernsehen kann mehr still stehen, sie muss animiert sein, vermutlich, weil jüngere Zuschauer sie sonst gar nicht wahrnehmen würden. Überall herrscht heute Signalsehen statt Gegenstandssehen (Böhme 1989: 181f). Wenn man Steven Spielberg hier trauen darf, haben Saurier in einer bestimmten Entfernung vom Objekt dies nur dann gesehen, wenn es sich bewegt hat, sie konnten also nur Signale wahrnehmen. Die neuen Medien erziehen die Menschheit planetarisch zu diesem saurierhaften Gebrauch ihrer Sinnesorgane, zur Entwöhnung vom Körper, zum Leben in einer Welt ohne stimmige Gegenstände, in der es nur immer schnellere Zustandswechsel gibt, die in immer krasseren Farben angezeigt werden müssen, damit sie überhaupt noch jemand wahrnimmt. Wie wunderbar dieser Funktionalismus zu apersonaler Herrschaft passt und ob man aus der Alternative personale oder apersonale Kapitalismuskritik nicht vielleicht durch eine Stärkung und Wiedereinsetzung der Person in ihre Rechte ausbrechen könnte, müsste Thema eines gesonderten Vortrages sein. (dazu auch Jünger 1953: 290f) Die letzten Widerstände gegen das Rasen, die wütende Umwälzung alles Bestehenden, werden unter dem label "Identitätskritik" im Bündnis von esoterischen Adorniten und disparaten Dekonstruktivisten abgeräumt. Das, was ohnehin geschieht, die Aufspaltung einer stimmigen Identität in Rollen, Aspekte, Zugänge (mit dem unvertilgbaren Rest des Nicht-Identischen), die man alle auch noch als selbstgewählte fingieren muss, das von keinen sperrigen, dauerhaften Eigenschaften behinderte Sich-Einfügen in die Maschinerie der Hektik, erhält noch die Weihen reflektierter Kritik. (Böhme 1997: 53f und Böhme 2006: 148f) Ein Grund unter vielen, Reaktionär zu werden.

Gegen den permanenten Wechsel könnte eine Einübung ins Gegenstandssehen gesetzt werden - vielleicht durch eine Abwechslung von Starren und den-Blick-schweifen-lassen (Böhme 2003: 36, Böhme 1989: 184f). Also das, was ältere Leute recht gut können. Überhaupt das Schweifen: Als Gegengift gegen das Trommelfeuer konzentrierter Zerstreuungsangebote (vgl. Türcke 2002: 312) könnte man vielleicht zerstreute, schweifende Aufmerksamkeit nahe legen (auch wenn dies widersprüchlich klingt), mit dem Ziel eines freien Sich-Einlassens auf die Dinge selbst. Dies wäre im Übrigen auch ein Vorgriff auf die Daseinsweise im Kommunismus: ein Wechsel von Müßiggang und konzentriertester Anstrengung (so sinngem. Robert Kurz).

Nun höre ich schon wieder den Einwand: "Sag das der Bevölkerung unter der sengenden Sonne Afrikas, dass die herumtappen und sich schweifend an Blütendüften erfreuen soll, statt zu versuchen, engagiert ein Bewässerungssystem aufzubauen. Du bist ein Zyniker!" - Solange die Reflexe in dieser Weise einschnappen, wird man sich nicht über wahr und falsch verständigen können. Da bedeutet planetarischer, weltvernichtender Kapitalismus eben nichts anderes als - ein Bewässerungssystem und die leibfeindliche Aufklärung nichts anderes als - Vernunft, Klarheit, Frauenbefreiung und schwule Emanzipation. - Ich wollte hier nur ein Angebot machen für die, die auch in den nächsten zwanzig Jahren der Bevölkerung Afrikas nicht mit einem Bewässerungssystem, sondern mit Abhandlungen über Kritische Theorie und Psychoanalyse helfen werden.

Was verbindet Kampfsport und Antifagewaltkult mit den drogengeschwängerten Durchtanzparties der Großstadt, mit der "Freien Software Bewegung", mit queer-Theorie und -praxis und mit den immer monströseren Metallteilen in den Gesichtern? Ihr aller Ergebnis ist niemals eine erfüllende Leiberfahrung, sondern das Zurückdrängen des Leibes. Jeder Tritt gegen einen Nazi schädigt im Kopf des Treters lediglich die faschistische Ideologie, jeder Drogenexzess hat angeblich was mit gesteigerter Selbstwahrnehmung zu tun, die Freie Software Bewegung will ein Modell für eine nicht vom Eigentum gegängelte Ökonomie sein, das Zupiercen der Gesichter einfach moderner Körperschmuck, jede Queer-Party (mit oder ohne angehängte Theorie) ist spielerische Kritik an der repressiven Kategorie des Geschlechts.

Die Leibperspektive: Der Tritt fügt Schmerzen zu (man sieht offene Münder, hört Schreie, spürt fallende Menschen), er ist nicht geistig, sondern auf beiden Seiten sehr, sehr leiblich, der Tretende muss sich ja aussuchen, wohin er tritt - er kann dies nur mit einer quasi-leiblichen Vergegenwärtigung der Schmerzen des Getretenen. Die gesteigerte Selbstwahrnehmung durch eine Substanz ist nur peinlich, man will ja gar nicht leiblich sein, man will sich nicht anstrengen, sich nicht bemühen um den Exzess, sich nicht bspw. in Trance tanzen, nein, man will bequem und bräsig wie eine Oma eine Pille nehmen, damit man es schafft, durchzutanzen. Die "Befreiung" in der Freien Software Bewegung besteht in nichts anderem, als dass Leute für selbstgeschriebenen Quelltext nichts haben wollen. Sinnlichkeit spielte für dieses angemaßte Modell einer solidarischen Ökonomie noch nie eine Rolle. Die Freie Softwarebewegung ist nichts anderes als die Praxis gewordene Ressentiment-Theorie von Leuten, die -wahrscheinlich mit Recht- annehmen, dass sie zuwenig Geld haben und die also den ganzen virtuellen Blödsinn, für den sie sonst Unsummen ausgeben müssten und dessen Sinnhaftigkeit sie nie in Frage gestellt haben, selber machen und verschenken. Die Piercings der neuen Generation dokumentieren im Gesicht ihrer Träger das Ziel, möglichst viel Haut zu verdrängen, sie sind nicht mehr eingehängt, wie ein einfacher Ohrring, sondern scheinen Geschossteilen gleichen zu wollen, die niemand herausoperiert hat. Je größer das Loch, desto cooler der Träger, denn desto mehr Natur hat er zur Strecke gebracht. Die queers wollen gar nicht den Körper ihres schönen Wesens genießen; Lust am Körper wäre ein Bekenntnis zu ihm und kein Vorbehalt, der bei als zu groß empfundener Nähe sofort geltend gemacht werden könnte und in Richtung "Kult", also als gar nicht ernstgemeint aufgelöst wird (Stichwort: angeklebte Bärte). Sie führen auf der Queer-Party die Kontingenz, ja Vergeblichkeit ihrer Leibesempfindung vor - was sind schon Männer, was sind schon Frauen?! Alles ist in alles überführbar. Und alle - in den Tod.


2.3 Gegebenes und Gemachtes

"Die Natur ist unser Feind", sagte vor Jahren ein prominenter Vertreter einer sich "linkskommunistisch" nennenden Gruppe und als Begründung präsentierte er: "das merkt man daran, dass man Zahnschmerzen hat". (Gemeint ist Joachim Bruhn von der Freiburger "Initiative Sozialistisches Forum".) Mein Zwischenruf: "Und wie sieht es mit dem Orgasmus aus?" war viel zu zaghaft, als dass er von der Masse der sonst so hedonismusversessenen Politjungs und -mädels, die an den Lippen des sehr, sehr traurig wirkenden Westentaschenadorno hingen, bemerkt werden konnte. Doch vermutlich wäre die Antwort des Referenten in einer Weise ausgefallen, die jedes postmoderne, Queer- und Gender Trouble-Grüppchen, das sich noch nicht wegen Identitätskrisen aufgelöst hat, in helles Entzücken versetzt hätte - Zahnschmerzen als durchschlagender Natureinfluss, Orgasmus als kulturelle Konstruktion, Errungenschaft eines fantasievollen Spiels mit Zeichen. Denn das allein kann der Ausweg für den damaligen Vortragenden sein, von dem ich, bei aller Kritik, annehme, dass auch er nicht auf die Möglichkeit des unsteuerbaren Orgasmus wird verzichten wollen. Denn er ist ja noch nicht so weit wie einige TheoretikerInnen aus dem Umfeld des Postkolonialismus, die es geschafft haben, das Hungern afrikanischer Menschen als eurozentristische Projektion zu dekonstruieren (ein Beispiel von Roger Behrens; mündliche Mitteilung am 13.10.07). An diesem Beispiel sieht man gut: Man gerät in die Hölle der Barbarei, wenn man auf Natur verzichtet.

Klar ist das Grundsätzliche: Natur ist unverfügbar gegeben, alles andere wird unter Vermittlung von Kultur oder sonstwas - gemacht. Manipulation an und Umwälzung von Natürlichem haben den Fortschritt auf ihrer Seite. Beispiele:

a)

Sucht: etwas Gemachtes wird mir zu Natur, zur zweiten sozusagen, ich verhalte mich in Hinsicht auf etwas Bestimmtes so, wie als ob ich in es hineingeboren wäre, es bedarf also besonderer Anstrengung, daraus wieder auszusteigen. Ich nehme nicht hin, dass mein Leib, als die Natur, die ich selbst bin, Grenzen des Zuträglichen kennt - die Grenzanlagen werden eingerissen oder mindestens verschoben. Natur soll auf eine fortschrittliche, entdeckerfreudige Art und Weise überwunden werden. Auch die Umkehrung gilt: das "Kapital" ist eine die Unternehmer antreibende Sucht, wie sich Max Weber ausdrückt –Das Geschäft ist ihnen unentbehrlich geworden. (Weber 1993: 28). So unentbehrlich wie dem Drogensüchtigen die Droge.

b)

Eugenik, die menschliche Zuchtwahl, ist - fortschrittlich, sie findet sich nicht mit gegebenem Menschenmaterial ab, sie will höher entwickeln, verbessern. Ihren Kampf gegen Rückschritt, Indolenz und Minderwertigkeit führt sie aus der Perspektive von Zivilisation, Nation und Wissenschaft. (dazu Kurz 1999: 281f)

c)

Die Einführung der Zeitumstellung hat zur Entwöhnung des modernen Menschen von den Jahreszeiten geführt. Zudem bringt sie die innere Uhr durcheinander, die sich -immer noch, auch beim modernen Menschen- am Sonnenlicht orientiert. (Till Roenneberg von der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, siehe:

http://www.welt.de/wissenschaft/article1294863/Wie_die_Zeitumstellung_die_Gesundheit_schdigt.html und auch WELT am Sonntag, 04.11.07, 80.)

Mir ist klar, dass es Dutzende Studien gibt, die das bestreiten und mindestens ein weiteres Dutzend, das positive Auswirkungen auf den menschlichen Organismus feststellt. (So wie ja auch schmutzigere Luft u.U. gesünder oder wenigstens genauso gesund sein kann, wie weniger verschmutzte, nicht wahr?! Die FAZ [27.11.06, Seite 1] jedenfalls fragt schon mal kritisch nach: "... wie gesichert ist die Vermutung, dass sauberer stets auch gesünder ist?") All das steht hier nicht zur Debatte. Fakt ist, die Sommerzeit wurde aus fortschrittlichen Gründen eingeführt, es ging um eine bessere Ausnutzung des Tageslichts. Nichts nimmt der Fortschritt als gegeben hin, jede bestehende Institution muss auf den Prüfstand und sich dem kritischen Blick des Reformers aussetzen. Geschlechter, Arbeitszeitregelungen, Manieren, Essgewohnheiten oder eben die Normalzeit - nichts darf verkrusten oder sich in einem Schonraum wähnen. Alles, alles ohne Ausnahme steht zur Debatte.


2.4 Wie lässt sich das Widerstandspotenzial von äußerer Natur und Leib aktivieren?

Die Logikdesigner der Suchmaschine Google sind wohl für dieses Widerstandspotenzial ebenso unempfänglich wie die städtische Theorielinke. Beim Googlen nach "Leiberfahrungen" wird man gefragt: Meinten sie "Leiderfahrungen"?

Ich möchte wiederum an einigen Beispielen darstellen, wie man dieses Potenzial aktivieren könnte. Das Ziel ist partielle Regression (dazu Gernot Böhme auf der Adorno-Konferenz; hier nachzuhören: http://www.uni-frankfurt.de/fb/fb04/forschung/gruschka_adorno/boehme.html) (im Sinne von Freud, der meint, dass allen Trieben eine konservative Tendenz innewohnt, einen früheren Zustand wiederherzustellen - eigentlich also eine reaktionäre), die notwendig ist (Böhme 2003: 90ff, 95), um wiederzuentdecken, dass wir alle -als Leib- selbst Natur sind. Wenn man sich bspw. wohlig in einem Wasserbassin streckt, heisst das, dass man sich ein wenig wie ein Kind verhält, sich also nicht wie Erwachsene schwimmend oder sitzend (gar mit übereinandergeschlagenen Beinen) zeigt, sondern sich in eine Position begibt, die klar anzeigt, dass man sich spüren will. (Und diese Lust kann sich durchaus auch in kindlichen Lauten, z.B. Grunzen, äußern.)

a)

Einsamkeit gibt Gelegenheit zu konzentrierter Leiberfahrung. In ihr sind wir maximal offen für Anmutungen; in der Einsamkeit haben Schnelligkeit oder gar Hektik von vornherein geringere Chancen. Das, was Aufmerksamkeit verlangt, ist das Arrangement für die Erfahrung selbst. Nebeneffekt: Man kann die Möglichkeit erfahren, sich selbst als für sich und andere verträglich agierend zu begreifen. Und: Die Einsamkeit einer Landschaft genossen zu haben, kann uns auch dazu führen, die Bedeutung leiblicher Anwesenheit, die Nicht-Vertretbarkeit von Menschen durch Telekommunikation wiederzuentdecken. Unter Umständen bedarf es einiger Vorübungen - Städter müssen wohl erst wieder lernen, Stille auszuhalten, sich sowohl konzentrieren wie auch, sich etwas geben, wiederfahren lassen zu können. Christoph Türcke empfiehlt, sich gegen die permanente Berieselung mit Musik zur Wehr zu setzen (was gegen Musik in Cafes noch nichts besagt), aber auch das Abschreiben von Texten zur Konzentrationssteigerung (Türcke 2002: 311).

b)

Landwirtschaft bietet heute kaum mehr Möglichkeiten, Leiberfahrungen zu machen, sondern ist nahezu so borniert, wie Fabrikarbeit - auch wenn ich nicht wie Marx und Engels vom "Idiotismus des Landlebens" (Kommunistisches Manifest) sprechen würde; so redet eben jemand, der weder die Vereinzelung in der Fabrikarbeit, noch das durchaus vorhandene Schöpferische in der Landwirtschaft selbst gespürt hat). Landwirtschaft bleibt Naturbezug unter Zwang. Aber es gibt eine Möglichkeit, gewollte Leiberfahrungen zu machen und dennoch den Zusammenhang mit der Reproduktion zu wahren: das Sammeln (dazu wunderbar: Machatschek 1999). Das Spüren von Pflanzen in all ihren Teilen, verbunden mit dem Vorgriff aufs Schmecken oder wohltuende Einreiben ist nicht ganz so rezeptiv, wie der Anmutung des Blütendufts nachzuspüren, aber hat noch lange nichts mit Gestaltungszwang zu tun (wie das bei der Landwirtschaft der Fall ist). Eine interessante Art, Natur zu erfahren, auf alle Fälle.

c)

Menschen in Supermärkten, Diskotheken, Flughäfen oder sonstwo erhalten sich nicht aus sich selbst, sie werden von den Stoffen der Felder ernährt, also gehalten, von Wasser durchströmt, von der Sonne gewärmt. All das erledigt nicht die Schönheit-und-Genuss-GmbH. Menschen leben im "Durchzug der Elemente", wie Paracelsus sagt. Dieses Bewusstsein kann z.B. durch langsameres Essen wieder erweckt werden, intensives Nachschmecken; Weintrinken durchaus einmal als Weinprobe zu veranstalten und sich Rechenschaft über Geschmackserlebnisse zu geben. Ein solches Ritual führt dazu, dem Vollzug selbst wieder Aufmerksamkeit zuzuwenden und so sich zu öffnen für die durch Gegenstände geschaffenen Atmosphären, abzukommen von purer Signalwahrnehmung und am Leib-Vorbeileben (etwa durch besinnungsloses Schütten).

d)

Leiblich spürbares Getroffensein durch Natur oder Kunst gibt es heute nahezu nicht mehr, wir finden einschlägige Metaphern nur mehr in alten Romanen (auch das verweist darauf, dass Leibsein heute eine Aufgabe ist). Vielleicht haben ältere Leute noch eher einen Draht dazu, als die heutige Elterngeneration, oder gar Jugendliche. Die flinke Signalerkennung ist trotz aller Anbiederei (Bsp.: Internet-Kurse für Senioren) nicht ihre Sache.

"Man möchte schreien, so schön ist das", sagte mir eine alte Frau auf einem Berggipfel. Schreien, weil man es leiblich kaum aushält, auf diesen sanften, stetigen Zug der Wolken zu blicken. Um diese Erfahrung adäquat machen zu können, sind Übungen notwendig, gilt es wieder zu lernen, denn das Schreien-Wollen als Energieabfuhr ist wohl selbst nur falsches Ergebnis einer Anmutung.

Hier kommt auch wieder die Künstlichkeit zu ihrem Recht, hier, wo man gedrängt wird, neue Ausdrücke für neue Erfahrungen zu entwickeln. Beispiele: 1. Sexuelle Experimente, die geeignet sein können, mehr von dem zu erfahren, in dem man sich selbst gegeben ist, z.B. welche Berührungen, welcher Heftigkeit was auslösen., 2. Durchaus einmal versuchen, sich üblen Sinneszumutungen auszusetzen - extrem kalt baden, lange durchs Unterholz toben, aber auch versuchen, ungewöhnliche, anstrengend durchzuhaltende Blickwinkel auf die Umgebung aufzuspüren (z.B. ein Wiesenstück), 3. Selbst ein Burger bei McDonalds kann hinsichtlich bewusstem Erleben von seltsamem Geschmack eine wichtige Erfahrung sein.

e)

Stärkung der Leibperspektive gegen den herrschenden Schlankheitskult. Es geht darum, sich selbst auf befriedigende Weise zu spüren und nicht um ein Winseln nach gesellschaftlicher Anerkennung, Übereinstimmung mit einer Norm. Der Trend weg vom Ding hin zum Design, weg von körperlicher Präsenz, hin zu telekommunikativer Vergegenwärtigung wirft sich auf die Menschen (Böhme 2006: 138ff). Sie werden immer schlanker (verbunden übrigens mit der Einebnung charakteristischer Geschlechterformen - da können sich die queer-Leute natürlich freuen), sehen immer weniger und immer seltener etwas von sich selbst und von ihresgleichen. Das ist wohl direkter Ausdruck für das Verschwinden-Wollen. Denn der Schlankste überhaupt wird derjenige, der gar nicht mehr isst.

f)

Etwas woran man sich kurz nach den nächsten Schmerzen einmal erinnern kann: wie uns der Leib den Geist funktionsuntüchtig machen kann. Wenn wir uns an der Kante eines Schrankes stoßen, sind wir ein, zwei Sekunden lang keine Vernunftwesen mehr, wir können nicht mehr denken, ebenso wenig, wie wir kurz nach dem Orgasmus sexuelle Wesen sind.

g)

Einmal ausprobieren, was es heisst, leise und laut zu sprechen. In einer Atmosphäre des Leisesprechens kann man weniger heftig argumentieren, muss sich also mehr auf den anderen einlassen, lautes Sprechen ist immer der Versuch, den anderen, quasi mit Schallwellen, von sich abzudrängen (was jeder Selbstverteidigungstrainer weiß).

h)

Allgemein sich spüren und bewegen lernen. Man kann von seiner Bewegungsweise durch bestimmte Methoden mehr erfahren, als durch pure Beobachtung (z.B. durch die Feldenkrais-Methode, aber auch durch andere Formen). Ich denke auch an das spielerische Einüben von unterschiedlichen Geh-Arten, z.B. gemessenes Schreiten, Hoppeln, oder ausgreifendes Schwingen und durchaus auch die tätige Vergegenwärtigung der abgehackten Bewegungen, zu denen uns Verkehrsvorschriften in der Großstadt zwingen (vorzugsweise auf einer weiten Wiese nachzumachen) (dazu auch Jünger 1953: 132). Um zu bemerken, wie oft man stehen bleibt, könnte man sich bspw. einmal vornehmen, hintereinanderweg zu gehen und dabei normale Haushaltstätigkeiten zu verrichten. U.U. wird erst in der Konfrontation dieser unterschiedlichen Bewegungsweisen deutlich, wie tempobetont, effizient und roboterartig wir agieren und wie sehr das andere Extrem, das Versunkensein oder auch das starke, wuchtige Auftreten fehlt (vgl. Böhme 2003), weil es in der Stadt, dem Platz der vielen Menschen schlicht nicht möglich ist. Versunkensein klappt im Wald, wuchtiges Auftreten in der Landwirtschaft (Bodenbeschaffenheit) oder an Bord eines schwankenden Schiffes, wo Balance wichtiger ist, als das Ausweichen vor eilenden Menschen.


3. Verbindung der Leibperspektive mit dem Wissen um die naturfeindliche Gesellschaft: das reaktionäre Minimum
Was sind das für Zeiten, wo
ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist,
weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt. (Brecht)

"Es geht ums Ganze - Kommunismus, schalalalalaaa", sekundieren die aufgekratzten kritisch-theoretischen Besserwisser dem melancholischen Bertolt Brecht. Ich nun möchte nicht fragen, sondern feststellen: Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten, in denen ein Gespräch über das falsche Ganze ein Schweigen über jede einzelne Teilzerstörung einschließt.

Die dramatischsten von ihnen vollziehen sich in menschlicher und nicht-menschlicher Natur. Ein emphatischer Bezug auf Natur jenseits von Esoterik könnte praktisch klar machen, dass noch nicht alles verloren ist, auch wenn dies einige Stufen unterhalb der beliebten fundamental-kategorialen Gesellschaftskritik angesiedelt wäre. Eine Wiederentdeckung von Natur als Einübung in eine bestimmte Weise mit Stoffen umzugehen und auf die eigene Sinnlichkeit achtzugeben, kann dazu beitragen, den ausschließlich instrumentellen Umgang mit Körpern (und dem eigenen Leib) im Kapitalismus zu delegitimieren. Eine -im wohlverstandenen Sinne- reaktionäre Grundhaltung (also kein Bekenntnis zu reaktionärer Politik, ewigen Werten, einer Partei oder irgendwelchen antiliberalen Überzeugungen) soll dabei helfen.

Denn die Leibperspektive zu stärken heisst wesentlich: Rücksicht nehmen auf Gefahrenbewusstsein, Verlust- und Risikoangst (durchaus im Sinne von Walter Benjamin: "Geschichte als Gefahrenkonstellation ... die ... abzuwenden" ist [Benjamin 1984: 149] und auch Jens Friebe: "die Chance ... mal als Gefahr begreifen"). Wenn der Fortschrittler sagt: Versuchen wir´s doch mit der grünen Gentechnik, wir dürfen Chancen nicht vergeben, verweist der Reaktionär im Bündnis mit dem Konservativen darauf, dass es bis jetzt keine Versicherung gegen die Risiken genmanipulierter Pflanzen gibt (siehe: http://www.mein-nein.de/cms.asp?AE=0&IDN=74&Plugin=&H='178'&T=0 und auch http://www.heise.de/tp/r4/artikel/16/16244/1.html).

und verlangt, die sich darin ausdrückende Ablehnung, ernst zu nehmen. Er will nicht in vorauseilendem Gehorsam alle beschwichtigenden Berechnungen der Industrie abnicken, warum ein ganz bestimmtes Risiko um des Fortschritts willen nun doch zu tragen ist. Nebenbei: Schlägt jemand die Besteuerung der internationalen Finanztransaktionen und die Umleitung der Gelder ins Gesundheitssystem vor, dann wird ihm gesagt, er verstünde nicht, was Kapitalismus ist. Macht sich aber jemand über die Auffassung lustig, die Einführung der Gentechnik werde zu einer "Reduzierung der Ungleichheit auf der ganzen Welt" führen, wie die UNESCO-Bioethik-Deklaration (Fassung 1995, zit. bei Böhme 1997: 207, Fußnoten 129/130) verspricht, wird ihm von denselben Leuten gesagt, er sei ein zynischer Fortschrittsfeind, der keine Medikamentenforschung mehr zulassen will. (Auf diese Art Gesellschaftskritik kann ich gut verzichten und würde ihr gegenüber jede bürgerliche Demokratie vorziehen.)

Die Leibperspektive einzunehmen heisst, sich des Bewahrens, der Behutsamkeit zu befleißigen, heisst aber auch, sich lebensweltlich der fortlaufenden Entfesselung zu verweigern und oft auch, Verzicht zu üben. "Geht nicht, gibt´s!". Umgekehrt gibt es "eine Welt zu gewinnen", also viel von dem zu retten, was heillos überholt wirkt und sogar die Aussicht darauf, lange Vermisstes wiederzufinden.

Als ob es nicht tausende Gründe dafür gäbe, nicht in der Zeit Behauptetes wiederherzustellen. Der Wunsch, die Folgen schrecklicher Ereignisse rückgängig zu machen, ist reaktionär - eher noch als für den Konservativen gilt für den Reaktionär, dass in ihm "... etwas von der leidenschaftlichen Qual des Jungen in Peter Shrubbs Erzählung (ist), der ein Verzeichnis aller Menschen niederlegen will, die jemals gelebt haben, damit ihr Andenken nicht verloren gehe ..." (Kaltenbrunner 1972: 53f). "Nur immer lustig Blut und heitren Sinn, futsch ist futsch und hin ist hin", meint das Studentenlied - Adorno jedenfalls ist dagegen und nimmt die Partei der Reaktion: die "Sehnsucht (des Materialismus - Holger) wäre die Auferstehung des Fleisches" (Adorno 1975: 207). Liebeskummer ist reaktionär und das Andenken an die Shoa-Opfer auch. Der konsequente Fortschrittler muss über Auschwitz sagen: "Vorbei ist vorbei, wir sind längst auf dem Weg zu neuen Ufern". Doch Yad VaShem ist kein Projekt des Fortschritts. In einem Artikel zum 70. Geburtstag von Oswald Spengler wird dieser vom Autor Theodor W. Adorno mit den Worten zitiert: "Wir haben in wenigen Jahren gelernt, Ereignisse kaum noch zu beachten, die vor dem Kriege die Welt hätten erstarren lassen." und fährt dann fort: "Unterdessen gilt bereits einer, der an Auschwitz erinnert, für langweilig. Keiner gibt mehr etwas fürs Vergangene."

(http://www.ceeol.com/aspx/getdocument.aspx?logid=5&id=C1AEA760-BA7B-45F9-A37E-288F83EEEB7D)

Das Bewusstsein dafür wachzuhalten, dass wie Hannah Arendt sagt, "es nicht hätte geschehen dürfen", ist reaktionär. Es ist ja geschehen und wer sich zu sehr ans Vergangene klammert, ist rückwärtsgewandt und hat nicht begriffen, dass das Leben weitergeht. Doch für denjenigen, der die Zeit zurück haben will, die Zeit, in der die europäischen Juden lebten und man Auschwitz nicht denken musste, kann "Reaktionär" kein Schimpfwort sein.

Und auch der bewahrende Bezug auf äußere Natur -Ökologie- hat immer einen reaktionären Kern: Ökologie will nicht den Erhalt des gegenwärtigen Niveaus, sondern sie will die Einrichtung einer schönen Erde unter klugem Rückgriff auf Vergangenes, sie will das Wohlbefinden des Menschen (vgl. Kaltenbrunner 1972: 46) und hat keine Angst davor, dass viele großartige Errungenschaften der Technik wieder demontiert, viele eingefleischte Haltungen wieder abtrainiert werden müssen.

Ich möchte an zwei Beispielen oder Modellen vorführen, zu welchen Folgerungen das reaktionäre Minimum verhilft:

Die erste Benutzungsordnung der Anna-Amalia-Bibliothek zu Weimar, erlassen von Johann Wolfgang von Goethe. Dort heisst es: "Das Ausleihen und Einnehmen der Bücher geschieht nur zwey Morgen in der Woche, Mittwoch und Sonnabends. Was binnen dieser Zeit nicht expedirt werden kann, geduldet sich bis zum nächsten Ausgebetag." (abgedruckt in: Die WELT, 24.10.07)

Der Duktus ist in der heutigen Zeit unvorstellbar: Eine serviceorientierte Einrichtung schreibt von: "geschieht nur", "was nicht expedirt werden kann" und "geduldet". Einschränkung der Leistung, ruhige Mäßigung und Rücksicht auf sachliche und sinnliche Grenzen (u.a. der Mitarbeiter - was nicht expedirt werden kann, kann eben nicht expedirt werden und fertig). Diese Entschleunigung ist ein gutes Modell dafür, was es heisst, Sand ins Getriebe der schönen Maschine zu schütten. Alles verlangsamte Verhalten, alle Tapsigkeiten, nicht ergriffenen Möglichkeiten, jedes Verweilen, Stehenbleiben und Schauen, jeder Umweg verlangt Rechtfertigung. Die Schönheit von Umwegen wird in einer Zeit sich selbst tragender Hektik nicht mehr verstanden, empfindet es doch nahezu niemand mehr als Zwang, dass man sich dieser Hektik anschließen muss, will man nicht permanentes Hupen hinter sich hören oder von Mountainbikern und anderen Extremsportlern über den Haufen gefahren werden. Im genannten Beispiel wird klar, dass eine Arbeitsatmosphäre herrscht, in der von keinem der Angestellten verlangt wird, über sich hinauszuwachsen, kreativ und sonstwas zu sein. "Bücher expediren" können hier auch die nicht ganz Mitgekommenen, diejenigen, die nicht begriffen haben, was die Stunde geschlagen hat und deshalb an dem, was sie schon immer so gemacht haben, festhalten. Hier ist in Ansätzen also schon einmal verwirklicht gewesen, was als Kriterium gegen die hurtigen Möglichmacher erst wieder neu zu etablieren wäre: das sich-(Wohl-)Befinden in Umgebungen - klare Regeln verhindern Kreativitäts- und Flexibilitätswahn, hier gibt es kein mal-sehen-wie-wir-das-hinkriegen, kein "Monika, kannst Du heute mal ne Stunde länger bleiben?".

Ein Negativbeispiel, bei dem die Leibperspektive gegen den Fortschritt verloren hat - das Handy. Hieß es früher in Kreisen, die sich auf ihr Unkommerziell-Sein sehr viel zugute hielten, noch bei jedem Handyklingeln: "Puh, der ist wichtig", hat heute jedes der ehemaligen Schmuddelkinder selbst ein Handy. (Nebenbei: Genau diese Leute maßen sich das Recht an, andere Leute zum Nicht-Wegsehen, zum permanenten Eingreifen und widerständigen Leben zu nötigen, wo doch klar ist, dass sie sich niemals irgend etwas, das möglich ist, verweigert haben, dass sie also auch in Zukunft jeden, aber auch jeden neuen Technikunsinn der Industrie nach kurzer Eingewöhnungszeit mitmachen werden.) Leute, die eine Erfindung ohne jeglichen Nutzen wie das Handy begeistert begrüßen, sind in der alternativen Propagandakompanie zu allem fähig, zu allem verwendbar - kritisch sind sie gewiss nicht. Ohne jeden Nutzen? "Aber man kann sich doch viel spontaner verabreden, als früher?!" Irrtum! Man muss! Verabredungen, auf die man sich u.U. sehr gefreut hat, auf die man längere Zeit hin gelebt hat, können kurz vorher zugunsten von irgend etwas anderem -meist Arbeit- abgesagt werden. (Das wissen auch Arbeitgeber.) "Aber man kann in Notfällen doch viel schneller Hilfe holen?!" Irrtum! Man muss! Denn diejenigen, die diese Notfälle u.U. herbei führen (Gewalttäter), aber auch die, die u.U. helfen sollen, koordinieren sich ja ebenfalls blitzschnell und können entweder alle Gegenmaßnahmen schnell vereiteln oder ganz schnell zu viel dringlicherer Hilfe gerufen werden. "Aber es ist doch viel bequemer, unterwegs sein zu können, während man sich abspricht und nicht zu Hause auf Anrufe warten zu müssen." Irrtum! Man kann nicht unterwegs sein, man muss! Weil ja sämtliche handybesitzenden Freunde ihre Termine so dicht gelegt haben, dass einem gar nichts anderes übrig bleibt, als deren Koordination auf dem Weg vom einen zum anderen Termin zu erledigen. "Wenn aber alle Leute eins haben, ist man ohne Handy aufgeschmissen" - richtig. Nur trifft das eben auch auf die Atombombe zu. Auch die entfaltet ja ihren sehr speziellen Gebrauchswert erst dann, wenn ein Gleichgewicht des Schreckens herrscht. "Aber technikfeindliches Verweigern hilft doch nicht gegen das falsche Ganze" - Ich antworte mit Adorno: "Daß jedem bekannt sei, was über ihn ergeht ... scheint von der Besinnung darüber zu befreien, was es ist. Das Phänomen wird zur hinzunehmenden, gleichsam unabänderlichen Gegebenheit, deren hartnäckige Existenz allein schon ihr Recht beweise." (Adorno 1968: 31)

Kurz gesagt: Das einzige Ergebnis der Einführung des Mobiltelefons ist eine weitere Entsinnlichung des Alltags durch seine rasante Beschleunigung und durch das Schwinden der Bedeutung leiblicher Anwesenheit. Sonst hat sich nichts geändert. Alles wird einfach viel schneller gelebt. Doch Menschen, die die Vereinheitlichung und Entsinnlichung im Kapitalismus beklagen, müsste es um Qualität statt Quantität, sogar: um irreduzible Qualität gehen. Ein Modell: 27°C ist nicht dreimal so warm wie 9°C, aber auch nicht eine dreifache 9°C-Kälte. 27°C sind im menschlichen Leben des Fühlens (also nicht in der Deutung als Teilchenbewegung) ein bestimmter Eindruck von Wärme samt dem Komplex "Entkleiden, Badengehen, Eiskaufen" usw., ebenso wie 9°C ein bestimmter Eindruck von Kälte samt dem Komplex "beim Fahrradfahren Handschuhe tragen, nicht mehr kurzärmlig laufen" usw. ist. Es geht nicht darum, das falsche des falschen Lebens als gar nicht so schlimm auszugeben (und so zu tun, als ließe sich mit ein bisschen mehr sinnlichem Bewusstsein die Gesellschaft umkrempeln), es geht darum, das Richtige durch stetiges Hinwirken auf seine gesellschaftliche Verwirklichung, wenigstens im Bewusstsein der Menschen am Leben zu erhalten, also im täglichen Leben eben die Irreduzibilität von Qualitäten zu betonen (z.B.: Überstunden sind eben nicht das gleiche wie mehr Geld). Auch hier wieder der Vorschlag für eine Übung: Man kann versuchen, Irreduzibilität im Umgang mit Pflanzen zu erfahren - z.B. am Phänomen "Stachel". Hier ließen sich unterschiedliche Grade von Stachligkeit herausbekommen, Komponenten von Stachligkeit zusammentragen, Ausprobieren, wie sich Stacheln an unterschiedlichen Körperteilen anfühlen und welche Leibempfindungen man dabei hat.

Lernen kann man Qualitäten am besten am Zwecklosen (wer mir hier den Richard Wagner vorwerfen will, kann das gern tun); das funktionslose Ornament (das ja nach Adolf Loos Verbrechen sein soll), ist Anregung der Sinne, Aufruf, Erfahrungen zu machen und rechtfertigt sich nicht mit weitergehendem Nutzen fürs Kapital, ganz im Gegensatz zum Funktionalismus von Stahl und Glas. Die nicht säenden Vögel und die Lilien auf dem Feld sind zwecklos in sich - sind in ihrem Leben darauf angewiesen, vom Menschen emphatisch wahrgenommen zu werden. (dazu auch Jünger 1953: 84) Max Weber schon registriert die hässliche Schlichtheit der Alltagsgegenstände, was würde er zu den heutigen Betonklötzen sagen und zu den bis auf eine hundsteure Musikanlage, aus der ja doch bloß Techno kommt, leergeräumten Wohnungen?

Nebenbei: Der Reaktionär weiß meist recht genau, auf welche Qualitäten -Stichwort: Werte- es ihm ankommt, während so etwas wie die Linke jeden Inhalt schon einmal vertreten hat, für oder gegen Tiere, für oder gegen die Mitwirkung der Bevölkerung im Kampf, für oder gegen Atomkraft, Parteien, Geschlechterdekonstruktion, Klassenkampf, Antinationalismus, Aufklärung, Deutschland, Israel oder sonstwas. Nur eins blieb konstant - die Bösen nannte man immer "Nazis", "Männer", "Deutsche".


3.1 Natur bewusst erfahren: Schonung und Leibsein als Aufgabe (Gernot Böhme)

Wir hatten gesehen: Natur erfahren wir als äußere -belebte und unbelebte- und als innere, als unseren Leib.

Um mit dem Leib zu beginnen: Nicht das autonome, leiblose Subjekt, sondern der souveräne, seiner Leiblichkeit voll bewusste Mensch (G. Böhme auf der Adorno-Konferenz; hier nachzuhören: http://www.uni-frankfurt.de/fb/fb04/forschung/gruschka_adorno/boehme.html), derjenige, der Natur in sich bewahrt und doch nicht nur im Modus der Regression sich befindet, ist lohnendes Ziel einer richtigen Lebensführung. (Zumal ja -Luhmann im Hintergrund- sowieso niemand weiß, was so ein Subjekt ist: Zu fragen wäre: Wie heisst es? Wo wohnt es? Gib mir seine Adresse, damit ich es nach dem befragen kann, was es denkt!) "Die Natur ist unser Feind" und Barry Commoners "Die Natur weiß es am besten" sind zwei Seiten einer zurückzuweisenden Medaille. Die Natur kann nicht unser Feind sein, denn wir sind Natur und sie kann es nicht am besten wissen, denn dies heisst, Einsichten über den Leib, unsere Natur zu ignorieren und bspw. eine Krebsschmerzenbehandlung mit Opiaten mit der Begründung zu verweigern, dass es der Natur auf den Schmerz jetzt gerade ankomme. Souverän ist beides nicht. Wir müssen weder alles schicksalhaft hinnehmen, noch alles, was in dieser Umgebung potenziell möglich ist, entfesseln. Unsouverän ist der besinnungslose Vollzug jeder Art.

Unterm Kapital aber wird alles, was möglich ist, auch gemacht. Stichwort: gender trouble. Das gegebene Geschlecht wird nicht mit eigener Individualität durchwirkt - es muss als künstlich dargestellt werden, damit es immer wieder (anders) gemacht werden kann. Das ist genau das Denken, das die kreativsten Köpfe einer x-beliebigen Innovativabteilung, einer x-beliebigen Produktentwicklungsgruppe in einem x-beliebigen Unternehmen wunderbar draufhaben. Keinen Stillstand eintreten lassen, fantasievoll umbauen, Grenzen überschreiten, bis zum nächsten Produkt, zur nächsten Party.

In diesem Zusammenhang ein kurzer Ausflug in den Streit um Aufklärung und westliche Werte. Die damalige Nebelkerzenwerferei der Werkkritik hat der der linken Bellizisten in nichts nachgestanden und die Kraft der Polemik hat zu unnötigen Parteinahmen gezwungen. Ich plädiere dafür, einfach klar zu sagen, was man retten und was man verwerfen möchte, "...fragen wir einfach danach, worum es in der Sache geht", um mit Papst Benedikt zu sprechen. Man braucht überhaupt nicht in einen moralischen Ton zu verfallen, um festzustellen, dass Aufklärung beinharte Zurichtung und Leibfeindschaft bedeutet, es reicht, die Perlen der philosophischen Aufklärung zu untersuchen. Wedel (2003: 26) hat am Beispiel Kant vorgeführt, mit welcher Zwanghaftigkeit das Selbst -das ja immer auch Leib ist- als erkennendes Subjekt platziert und somit dafür gesorgt wird, dass jede Art Leiberfahrung von der Vernunft, weil nicht nach Gesetzen funktionierend, abgewiesen wird. Doch ebenso klar ist, dass die Überwindung von Unmündigkeit, die Hochschätzung von Individualität und das Infragestellen religiöser Tradition für das menschliche Leben nützlich sein können. Falsch ist, das eine gegen das andere aufzurechnen. Unmündigkeit wird nicht deshalb weniger schlimm, weil die bisherige Mündigkeit sich immer nur auf das männlich-weisse westliche Subjekt (Ausdruck von Robert Kurz) bezog.

Wir können sachlich feststellen: Wenn der Mensch sich als Vernunftwesen versteht, muss seine Natur (sein Leib) zurückstehen, ja mehr noch: sie muss an ihm als Bestialität bekämpft werden (Böhme 1989: 32). Aufklärung als Betonung des Gemachten gegen das Gegebene (bspw.: Kraft der Vernunft gegen Tradition) impliziert den Zwang zum Zugriff, zum Gestalten, nicht Bestehenlassen. Angesichts der Ökokrise ein fatales Reaktionsmuster - besteht heute die Notwendigkeit doch darin, die meisten Vorgänge des Tages schlicht zu unterlassen, den Bestand der noch naturnahen Dinge zu sichern. Jetzt schon, in der falschen Gesellschaft, kann man versuchen, im Sinne der wahren zu handeln, einer Gesellschaft, die "... der Entfaltung überdrüssig (wird) und ... aus Freiheit Möglichkeiten ungenützt (läßt), anstatt unter irrem Zwang auf fremde Sterne einzustürmen." (Adorno 1994: 207). Der Leib, das, was ich in betroffener Selbstgegebenheit bin (Böhme 2003: 44, 80), ist m.E. der stärkste Ausdruck von Individuellem überhaupt. Seine Herabwürdigung zugunsten der Vernunft, bedeutet eine -schlecht idealistische- Herabwürdigung der sonst so hochgehaltenen Individualität. Ganz davon abgesehen, dass diejenigen, die sich auf ihren Individualismus so viel zugute halten, meist nur "Die Gedanken sind frei" meinen, was sie durchaus mit allen deutschen Spießbürgern verbindet. Im alltäglichen Leben machen sie höchst selten Gebrauch vom möglichen Individualismus. Wer sich das äußere Erscheinungsbild, die Essgewohnheiten, Arbeitsstellen, Ausdrucksweise, Lektüre, Partnerwahl und Musikgeschmäcker unserer Individualismusfreunde (woher sie auch kommen) ansieht, kann mit Fug und Recht von Gleichschaltung sprechen. Nicht nur Punkflyer und Aufrufe zur Antifa-Demo sehen immer, immer gleich aus. Bis hin zur Peinlichkeit des Adornoschen nachgestellten Reflexivums und der Ausstattung alternativer Orte herrscht das linke Einheitsprinzip. Jede Ortsgruppe der "Jungen Union" ist individualistischer. (Kommt man darauf übrigens zu sprechen, wird man wie immer abgespeist mit dem Satz "es gibt kein richtiges Leben im falschen". Kurz gesagt: Wir werden uns weiter so verhalten, wie es in unserer Szene gerade en vogue ist, aber auf Nachfrage sind wir jederzeit: "Für den Kommunismus!" Das sind so Momente, in denen ich plötzlich gar nicht mehr so sehr für den Kommunismus bin.)

Zur äußeren Natur:

Nachträgliche Umweltsanierung durch ökologisch engagierte Fachleute und Laien ist zu praktizieren und gleichzeitig das problematische daran herauszuarbeiten, zu zeigen, dass in der Gesellschaft des Kapitals alle Verbesserungen sofort wieder in den Dienst des rastlosen Fortschritts gestellt werden: entweder verschaffen die sinkenden Folgekosten für den normalen Warenstrom ein gutes, ökologisches Gewissen oder aber ein zunehmender Warenstrom wird mit gleichbleibenden ökologischen Folgekosten gerechtfertigt. Wenn die schwer reflektierte Linke inkl. der Wertkritik mahnend den Zeigefinger hebt: Kein Verzichtsdenken! dann müsste ihr genau dieser angeführte Gedankengang um die Ohren gehauen werden. Mit dem Gerede über Möglichkeiten, über das gegenwärtige Niveau, das zu halten sei bzw. auf dem die gegenwärtige Gesellschaft aufzuheben sei, kann man eben nur die "Herrschaft" oder "das Monopol" (Adorno und Horkheimer erweisen sich so in der "Dialektik der Aufklärung" als die Urväter der verkürzten Kapitalismuskritik), die die großartigen Möglichkeiten falsch nutzen, anklagen. (Hier ist es wie oben mit der Aufklärung: Verzicht wird nicht dadurch dumm, dass Ökofaschisten ihn predigen und Wertkritiker ihn ablehnen und er wird nicht dadurch zum Allheilmittel, weil kluge, engagierte Ökologen ihn als solches ansehen.) Wer nicht begreift, "daß der Lebensstandard um ein beträchtliches absänke, wenn die soziale Produktion auf die weltweite Befriedigung individueller Bedürfnisse (gerichtet? - Holger) würde" und dass "viele ... auf raffinierte Bequemlichkeiten verzichten (müssten), wenn alle ein menschenwürdiges Dasein führen sollen" (Marcuse 1979: 132) (Stichwort: Fleischkonsum und begrenzte landwirtschaftliche Anbaufläche) der nimmt nun mal die Partei der Gesellschaft weiterer Raserei mit schnelleren Autos (aber umweltfreundlich!), neuer, sinnloser Verpackungen (aber energiesparend, bzw. unter Nutzung nachhaltiger Energiequellen hergestellt!), heftigerer Beschallungsmöglichkeiten (im Wissen, dass wir ja die Möglichkeit besseren Dämmschutzes haben), weiterer Alltagsbeschleunigung (doch es gibt ja die Möglichkeit des Wellnesswochenendes).

Stichwort Biosprit: Am laufenden Mobilitätswahnsinn ändert sich nichts, es wird einfach Nahrung verfeuert. Wer hier Natur nicht emphatisch anschaut, findet daran nichts Kritikwürdiges. "Was unterscheidet schon das Fördern von Erdöl von der Rapsernte? - Ist doch sowieso alles menschengemacht, hier. Es gibt keine unberührte, erste Natur mehr", meint der linke Fortschrittler aus dem Marxlesekreis. "Und weite gelbe Felder sind doch ganz hübsch, oder?!" Was kümmert uns die Monokultur - "es gibt kein richtiges Leben im falschen". "Man muss eben immer mal was Neues ausprobieren und schließlich hat doch der Fortschritt in der Vergangenheit immer zur Ersparnis von Anstrengung geführt; sollen wir denn wieder so schuften müssen, wie früher?" Ich lasse den Chefpiloten des neuen Superflugzeugs A 380, Robert Ting antworten:

"Man muss geschickter sein und effizienter, aber es wird nicht leichter. Denn die fortschrittlichere Technologie schafft immer neue Spielereien, immer neue Herausforderungen. Am Ende tut man also keinesfalls weniger!"

http://www.swr.de/nachrichten/-/id=396/nid=396/did=2708940/vavfnu/

Vor 54 Jahren war das Beispiel von Friedrich Georg Jünger die Bergwerksarbeit, die mit dem Pressluftbohrer nicht einfacher als die mit Hand und Schaufel ist. Im Gegenteil - es kommen Belastungen auf den Arbeiter zu. Es wird heißer, lauter, man muss in immer tieferen Tiefen arbeiten (Jünger 1953: 16). Arbeitsverdichtung und erhöhte Anforderungen an Konzentration haben das eintönige Werkeln abgelöst. Heute ist eine erhöhte Identifikation mit der Arbeit -schon zur Gefahrenvermeidung- hinzu gekommen, Dienst nach Vorschrift wird von niemandem mehr als erstrebenswert angesehen, geschweige denn von Arbeitgebern nachgefragt. (Vorreiter dieser Entwicklung auch hier: Hierarchiefeindliche, herrschaftsfreie Softwarebastler, locker angezogen, ohne jeglichen Formzwang. Mit Sicherheit keine Konservativen.)

Es ist wichtig, Naturzerstörung aufzuzeigen, zu dokumentieren und die Unwiederbringlichkeit von Zerstörtem zu zeigen, ja überhaupt erst ein Gefühl für Unwiederbringlichkeit zu schaffen. Das geht aber auch nur, wenn man Leib auf eine bewusste Weise ist. Beispiel Atomkraft - jenseits von unterschiedlichen politischen Bewertungen von Kernkraftwerken kann man feststellen: Wo radioaktiver Abfall lagert, können menschliche Körper jahrtausendelang nicht mehr hin, diese Gegenden sind für das Sich-Spüren menschlicher Leiber genauso relevant wie die Venus. Emphase, dieses "ich will da aber hinkönnen" ist m.E. noch wichtiger als jede Auflistung welche Organschäden in welchem Abstand mit welcher Einwirkungszeit eintreten können.

Ein weiterer Punkt: Elmar Altvater hat vielfach darauf hingewiesen, dass die erneuerbaren Energien ein den Kapitalismus transzendierendes Potenzial besitzen.

1. Die Sonnenenergie ist eine Strömungsenergie, weder auszudehnen, noch zu drosseln, 2. Sie hat eine klar definierte Grenze außerhalb eines alles regelnden, selbstreferenziellen Prinzips, erzwingt somit 3. eine Abkehr von Verbrennungsproduktion und -konsum - die Einstrahlungsmenge ist kontinuierlich 200 W pro qm (Ebeling in Altvater 1991 und s.a. http://www.energiekrise.de/oel/artikel/paradigmawechsel.html). Damit hat die Kritik an der Wachstumsideologie ein handfestes Fundament (s.a. Altvater 2005: 223 f). 4. Erneuerbare Energien sind langsamer und kaum ortsunabhängig einsetzbar (gehen also von vornherein nicht mit dem Beschleunigungszwang und der "propagandistischen Tendenz" [Marx] des Kapitals konform). Umgekehrt impliziert die permanente Expansion des Produktionsapparats, dass Energie als Vorrat vorhanden sein muss (und das gerade ist bei fossilen Energieträgern gegeben [s.a. Altvater 2005: 86f], nicht nur als kontinuierliche Strahlung gleichbleibender Intensität (s.o.: 200 W).


3.2 Was ist das "richtige Leben im falschen"?

Kurz gesagt: Das stetige, lust- und mühevolle Streben danach, wieder auch Natur sein zu können. Etwas länger: Ist Natur die automatisch daseiende Widerstandsbastion gegen die Kapitalherrschaft, so ist Naturstärkung einschließlich des Einnehmens der Leibperspektive, das richtige Leben.

Dass es kein richtiges Leben im falschen gebe, muss natürlich eine Theorie behaupten, die immer nur aufs erlösende, den Bann brechende Wort wartet und das Spüren, das Tun von vornherein nicht in den Blick bekommt. Wer stolz darauf ist, kein Menschenbild zu besitzen, kann sich um Leiber nicht kümmern und denkt die Erleichterung des menschlichen Lebens nahezu zwanghaft als Versöhnung (von allem möglichen).

Es gilt, den Menschen als Naturwesen zu nehmen, das er ist und Natur nicht als ganz Anderes zu idealisieren (das geht nur, wenn man schon davon ausgeht, man sei reines Vernunftwesen) und sei es in bester umweltschützerischer Absicht (etwa: Die Natur vorm "Raubtier Mensch" schützen). Das Andere entweder blindlings zu lieben oder zu hassen in seiner Andersheit setzt beides die Verleugnung dieses angeblich Anderen in sich voraus. Von diesem Standpunkt wäre auch die Zurichtung von Natur als Tummelplatz utopischer Sehnsüchte zurückzuweisen, die ja nur ein Mensch hegen kann, der nicht anerkennen will, dass er -qua Leib- durch und durch Natur ist (Böhme 1989: 45, 62). So hat der bürgerliche Städter die Natur als unschuldiges Material für verquaste Projektionen entdeckt und hasst sie gleichzeitig, weil sie der Zivilisation im Weg rumsteht (ebd.: 60).

Ausdruck dieses Heraussetzens von Natur aus sich selbst ist bspw. der rein konservierende Naturschutz, statt der Schaffung und behutsamen Pflege einer sozial (auf menschliches Befinden bezogenen) abgegrenzten Landschaft - vielleicht im Sinne eines ökologischen Gefüges von Böhme/Schramm (vgl. dazu Böhme 1989: 42, 54, 73). Ein Beispiel aus DDR-Zeiten: Nach Intervention von Naturschützern und Einzelpersonen wurden in Leipzig rund um den Bienitz mehrere Gebiete geschützt, damals verstanden als: sich selbst überlassen. Das hieß dort v.a.: die Auenwiesen wurden nicht gemäht - und verödeten somit. Allerweltsbüsche und Birken siedelten sich an. Nur eine regelmäßige, wenn auch späte Mahd gewährleistet die Vielfalt einer Wiese. Man hatte nicht verstanden, dass Naturschutz heute nicht die Restauration irgendeines angenommenen Urzustandes sein kann, das wäre ja wohl Urwald. Naturschutz muss menschliche Prägung einbeziehen, was überhaupt kein Problem ist - der Mensch ist ja selbst Natur. Man braucht folglich Kriterien dafür, welche Naturnutzung für Mensch und außermenschliche Natur selbst zuträglich ist.

Es geht, mit Gernot Böhme (1989: 45f) gesprochen, darum, nicht bei Beurteilung zu verharren, sondern um volle sinnliche Erfahrung von Natur (dass sich eine zweckgerichtete Nutzung damit durchaus vertragen kann, hatten wir oben beim "Sammeln" schon gesehen); es geht darum, sein eigenes leibliches Befinden (Befinden, nicht Empfinden, das passive Einwirkenlassen) zu erkunden, statt von Experten Messwerte registrieren und beurteilen zu lassen oder sich permanent Ergebnisse neuester Studien an den Kopf zu hauen. So wie sich der Antisemit gierig über jüdische Verschwörerkreise beliest, recherchieren die autofahrenden Fortschrittler aller Fraktionen, samt den linken Freunden des kleineren Übels erbittert über die Nutzlosigkeit, ja gar ökologische Schädlichkeit des Mülltrennens und nehmen noch jede Verlautbarung irgendeines FDP-Ortsvereins für bare Münze. Nie haben sie sich über die eigene Müllmenge und ihre Reduzierung Gedanken gemacht (zu diesem Thema reicht, wie oft, der Satz: "Es gibt kein richtiges Leben im falschen.") - zum Unsinn des Grünen Punktes aber kennen sie alle mindestens eine Studie.
Ich benötige keine biologischen Spezialkenntnisse, um den Verlust an Biodiversität zu beklagen und vor dem Klimawandel Angst zu haben, denn ich befinde mich ebenso wie der Naturwissenschaftler entweder wohl oder unwohl in einer Umgebung (Böhme 1989: 49, 93), ich vermisse zum Beispiel Pflanzen, die ich früher gesehen habe. Solange wir nicht die Wirkungen aller Aspekte der natürlichen Vielfalt kennen (und das wird nie der Fall sein), müssen wir davon ausgehen, dass noch die Beseitigung des unscheinbarsten Elements in ihr Risiken für die Menschheit birgt. Eine Entscheidung, ob die Dramatik des anthropogen verursachten Klimawandels richtig dargestellt wurde, lässt sich nur mit dem Tod des letzten Menschen definitiv klären (das ist wie mit der "finalen Krise") - das heisst also, wir müssen jetzt, unter Unsicherheit, nur gestützt auf unsere Angst und unser Befinden handeln. Und die sagen uns: Altpapiersammeln ist nicht schädlich; besser als Wälder abzuholzen ist es, benutztes Papier zur Herstellung von Papier zu verwenden, deswegen sollte man das weiter tun. Auch wenn dies selbstverständlich durch Verzicht an anderem Ort zu ergänzen ist und mit dem billigen Abfeiern des "Kommunismus schalalalalaaa" so gar nichts zu tun hat.


Referent: Holger