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Keine Kerze für Deutschland
09.10.2008: Mit Kerzen, Lampions und Gebeten
feiert Leipzig zum wiederholten Mal sich selbst und seinen Ruf als
„HELDENSTADT“. Erneut bestätigen sich die Ostdeutschen
gegenseitig ihre Friedfertigkeit, ihr Streben nach Freiheit, ihren
Willen zur Demokratie und – in erster Linie – ihren
Stolz, Deutsche zu sein. Schließlich waren es (im hiesigen
Verständnis) allein die EinwohnerInnen dieser Stadt, die im
Oktober 1989 „NATIONALGESCHICHTE GESCHRIEBEN [HABEN] UND DEN
WEG ZUR EINHEIT DEUTSCHLANDS FREI“ [machten] . Am 3. Oktober
1990 hatten sie endlich ihr Ziel erreicht: Die deutsche Volksgemeinschaft
wurde wiedervereinigt.
Auch wenn sich einige DDR-WiderständlerInnen
nicht vorrangig die deutsche Wiedervereinigung zum Ziel setzten,
sondern prinzipielle Kritik am DDR-Regime übten, ist sicher,
dass der größte Teil der 70.000 am 9. Oktober 1989 in
Leipzig Demonstrierenden für Bananen, Mallorca-Urlaub und die
Einheit Deutschlands auf die Straße ging. Während die
ursprüngliche Losung „WIR SIND DAS VOLK“ noch Kritik
am fehlenden Mitbestimmungsrecht der DDR-Bevölkerung ausdrückte,
war der völkische Inhalt des allgegenwärtigen „WIR
SIND EIN VOLK“- Rufes eindeutig und unmissverständlich.
Sicherlich kritisierten damalige Oppositionelle
auch das „DDR-UNRECHTSYSTEM“, welches sich v.a. in fehlender
Demokratie ausdrückte. In der Mehrheit wurde der Begriff „UNRECHT“
jedoch auf die vermeintlich unrechtmäßige Teilung Deutschlands
bezogen. Die Schuld der Deutschen am 2. Weltkrieg und der Ermordung
von 6 Millionen Juden und Jüdinnen in nationalsozialistischen
Konzentrationslagern spielte hierbei keine Rolle. Dass es angesichts
des von Deutschen begangenen Zivilisationsbruches kein normales
Deutschland geben kann und die Teilung damit die richtige Konsequenz
aus deutschen Verbrechen sein musste, wurde und wird völlig
ausgeblendet. Eine Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit,
eine Annahme von Schuld und Verantwortung für die Shoa hat
im Oktober 89 nicht stattgefunden. Stattdessen wurde im Zuge der
deutschen Wiedervereinigung die Etablierung eines „GANZ NORMALEN“
Deutschlands gefordert, in dem Stolz auf die eigene Nation und deren
Geschichte völlig natürlich ist. Man besann sich wieder
auf das „WIR-GEFÜHL“ der deutschen Volksgemeinschaft.
Dass dieses im Herbst 89 skandierte, vermeintlich
allumfassende „WIR“ eben nicht alle in Deutschland lebenden
BürgerInnen umfasst, zeigte sich recht schnell: Die Deutschen
wollten in ihrer wiedergewonnenen Heimat unter sich bleiben und
das machten sie unmissverständlich klar. Überall im neuen
Deutschland waren fremdenfeindliche Parolen zu hören, es brannten
Flüchtlingsheime und MigrantInnen waren verbalen und körperlichen
Angriffen ausgesetzt. Diese Taten gehen nicht auf das Konto vereinzelter
„FEHLGELEITETER“ Nazis – vielmehr war sich das
EINE deutsche Volk in seinem Vorgehen einig: Als 1992 ein Brandanschlag
auf das Asylbewerberheim in Rostock- Lichtenhagen verübt wurde,
beklatschten dies nicht nur vereinzelte „FEHLGELEITETE“
Nazis, sondern vorwiegend die „GANZ NORMALEN“ deutschen
AnwohnerInnen. Völkisch-rassistischer Konsens und rassistische
Pogrome wurden zum ersten Erkennungsmerkmal dieser neuen deutschen
Republik.
Dass Rassismus und Antisemitismus auch im heutigen
Deutschland allgegenwärtig sind, ist somit nicht verwunderlich.
So scheuen sich (vor allem Ost)deutsche immer weniger, ihre völkische
Gesinnung auch in ihrem Wahlverhalten zu offenbaren oder gemeinsam
mit Nazis gegen Hartz IV beziehungsweise gegen „KINDERSCHÄNDER“
zu demonstrieren. Nationalstolz und Aufgehen in der Volksgemeinschaft
sind mittlerweile Konsens im wiedervereinten Deutschland. Rassismus
und Antisemitismus sind tief in der Mitte der Gesellschaft verankert
– und dies nicht zuletzt dank der Ereignisse im Oktober 1989.
Ein unreflektierter, ausschließlich positiver Bezug –
wie er dieser Wochen in Leipzig zelebriert wird – kann daher
nur abgelehnt werden. Am 9. Oktober gibt es keinen Grund zu feiern!
Flyer
zum download (pdf)

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